In vielen Köpfen hält sich ein äußerst hartnäckiges Vorurteil: Naturstoffe seien gut, chemisch hergestellte Substanzen dagegen gefährlich. Allerdings hält Mutter Natur in ihrer Trickkiste eine ganze Menge Überraschungen bereit: Beispiele dafür sind etwa der Knollenblätterpilz und das Pfeilgift Curare, aber genauso auch die Toxine (Giftstoffe), die von Schimmelpilzen auf befallenen Lebensmitteln gebildet werden.
Ein extremes Beispiel ist der Mutterkorn-Pilz, der vorzugsweise den Roggen befällt. Der auch heute noch kaum chemisch, sondern nur über Fruchtfolge, Sortenwahl und Bodenbearbeitung bekämpfbare Pilz hat in vergangenen Jahrhunderten viele Tausende Opfer gefordert. So starben im Jahr 944 in Frankreich rund 40.000 Menschen, weil mit Mutterkorn belasteter Roggen gemahlen, verbacken und verzehrt wurde. Die Darstellung der Qualen der Betroffenen auf dem Isenheimer Altar gibt ein beredtes Zeugnis davon ab. Auch aus dem Jahr 1129 sind rund 14.000 Mutterkornopfer überliefert. Heute gelten strenge Grenzwerte (maximal erlaubter Befall 0,05 %), und stark befallene Erntepartien müssen vernichtet werden. Bei geringerem Befall wird das Mutterkorn, statt des üblichen Roggenkorns ein größerer, schwarzer Fruchtkörper, nach der Ernte durch Aussieben entfernt.
Auch Himbeeren sind ein Beispiel dafür, dass die Natur es "in sich haben kann": Sie enthalten nämlich u.a. 32 verschiedene Alkohole, 34 Aldehyde und Ketone, 14 verschiedene Säuren und anderes mehr, darunter auch das in hoher Dosis extrem giftige Cumarin. Würde ein Lebensmittelkonzern heute auf die Idee kommen, eine Himbeere zu entwickeln und zu vermarkten, so würde es für ein solches Produkt niemals eine Zulassung geben. Allerdings sollte nun niemand auf Himbeeren verzichten: In normalen Mengen aufgenommen sind sie völlig harmlos.