Heiße Diskussion auf dünnem wissenschaftlichen Eis
Es fing alles ganz harmlos an: „Die Nährwerttabellen, die heute üblich sind, nimmt kaum jemand zur Kenntnis“, sagte Bundesminister Seehofer im Herbst 2007 auf der Ernährungsmesse Anuga. Er hatte sich vorgenommen, in Zusammenarbeit mit der Lebensmittelwirtschaft, die Nährwertkennzeichnung zu verbessern. Auf dem Etikett sollten künftig die fünf wichtigsten Nährwerte in Gramm und in Prozent der empfohlenen Tageszufuhr hervorgehoben werden, die so genannten GDA´s. So könnten die Produkte leichter miteinander verglichen werden. „Jeder weiß, dass 30 Prozent Zucker von der Tageszufuhr durch ein Getränk hoch ist und dass drei Prozent besser wären“, erklärte der Minister. Damit war das „1 plus 4“ Modell geboren. „Eins“ für den Energiegehalt und „Vier“ für den Anteil an Zucker, Fett, gesättigten Fettsäuren und Salz.
Quelle: BMELV
Das Kennzeichnungsmodell fand allerdings keine Gnade bei den Verbraucherverbänden. Die waren für die britische Ampelkennzeichnung. Sie machten Kampagnenarbeit nach allen Regeln der Kunst und stimmten nun, gut ein Jahr später, die Verbraucherschutzminister um. Die Nährwertampel - so die Hoffnung - kann dazu beitragen, dass sich die Verbraucher im modernen Lebensmitteldschungel ein bisschen besser zurechtfinden, ein bisschen gesünder einkaufen und vielleicht auch ein bisschen dünner werden. Nur die Industrie muss jetzt noch überzeugt werden. Und der Rest von Europa. Und die Verbraucher. Denn die sind die größte Unbekannte in der ganzen Geschichte.
Studienlage dürftig Die Verbraucherverbände berufen sich auf Untersuchungen der britischen Food Standards Agency, FSA. Sie hat das Modell entwickelt und mit interessierten Verbrauchern getestet. Bislang gibt es jedoch keine Studie, die darauf hinweist, dass Verbraucher nach Einführung einer Ampelkennzeichnung dünner geworden wären. Auch Untersuchungen mit sozial benachteiligten Gruppen, die am meisten von Übergewicht betroffen sind, oder Kindern wurden bisher nicht durchgeführt. Dabei ist die Ampelkennzeichnung noch das am besten untersuchte Modell. Zur Verständlichkeit des „1 plus 4“ Modells gab es in Deutschland bisher nur eine Meinungsumfrage. In dieser Umfrage bewerteten die meisten Studienteilnehmer die GDA-Kennzeichnung als verständlich. Allerdings bekamen sie eine farbige Fassung vorgelegt, die der Ampel ähnelte. Daraus lässt sich nicht unbedingt schließen, dass das „1 plus 4“-Modell auch ohne Ampelfarben verstanden wird. "Ohne zusätzliche Untersuchung ist es nicht möglich, von der Verständlichkeit einer farbigen Kennzeichnung auf eine nichtfarbige Kennzeichnung zu schließen, weil nicht geklärt ist, ob die Farben für die Verbraucher die relevante Information darstellen", sagt Dr. Johannes Simons, Experte für Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen am Lehrstuhl für Marktforschung der Agrar- und Ernährungswirtschaft, Universität Bonn.
Quelle: BMELV
Wirkung fraglich Und nun die Erkenntnisse von Prof. Dr. Joachim Westenhöfer, Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hamburg: Die Ampelkennzeichnung ist in manchen Fällen hilfreich, hat aber unterm Strich keinen Einfluss auf die Zusammenstellung des Tagesplans. Keines der Kennzeichnungsmodelle hatte einen positiven Einfluss auf den Tagesplan. Wissen hängt eben nicht mit Verhalten zusammen, sagt der Ernährungspsychologe. Auch Kinder wissen genau was gesund ist und was nicht. Das hat aber überhaupt nichts damit zu tun, was sie mögen, fand er in einer anderen Studie heraus. „Das war die perfekteste Null-Korrelation die ich je gesehen habe“, kommentiert Westenhöfer seine Ergebnisse.
Risiken und Nebenwirkungen Auch aus Sicht der Ernährungsbildung sind noch Fragen offen: „Die Ampelkennzeichnung richtet ihren Fokus auf Lebensmittel, die verpackt und verarbeitet werden“, sagt Dr. Ingrid Brüggemann, Ökotrophologin und Expertin für Ernährungsbildung beim aid infodienst. „Dabei würden genau die Lebensmittel keine Kennzeichnung tragen, die wir als Grundnahrungsmittel fürs Essen empfehlen, nämlich Obst und Gemüse, Brot vom Bäcker und Trinkwasser“. Ist die Ampelkennzeichnung das richtige Signal, um Menschen zu motivieren, gesunde Lebensmittel zu kaufen? Und wie gehen alte Menschen oder untergewichtige junge Mädchen damit um? Westenhöfer fordert die wissenschaftliche Evaluierung der Kennzeichnung vor ihrer Einführung. Das größte Risiko wäre sicherlich, dass viel Geld in Kennzeichnung gesteckt würde, das an anderer Stelle, zum Beispiel der Ernährungsbildung, dringend fehlt. Das zweitgrößte Risiko wäre ein Durcheinander von Kennzeichnungsmodellen. So fordert die Deutsche Adipositas Gesellschaft: „Die Lebensmittelkennzeichnung muss verständlich sein und international vereinheitlicht werden, um unnötige Verwirrung beim Verbraucher zu vermeiden“. Auf Dauer hilft also nur ein europäisches Modell, das gut evaluiert und verpflichtend eingeführt wird. Die Fachdiskussion, so scheint es, hat gerade erst begonnen. Ernährungspsychologen und Ernährungspädagogen können offensichtlich etwas dazu beitragen.
Das aid-Verbraucherschutz-Portal was-wir-essen.de bietet alles über Lebensmittel und das auf einen Blick! Dort finden Sie wichtige, alltagsrelevante Informationen zu den Themen Erzeugung, Verarbeitung und Kennzeichnung von Lebensmitteln und über eine gesunde Ernährungsweise. In den Foren auf was-wir-essen.de können Sie in über 17.000 Verbraucherfragen stöbern oder selbst eine Frage an die aid-Experten richten. Innerhalb von 48 Stunden erhalten Sie Antwort. Dieser Service ist kostenfrei.
www.bmelv.bund.de
Auf den Seiten des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, BMELV, findet man den aktuellen deutschen Kennzeichnungsvorschlag.
www.dge.de
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat das GDA-System der europäischen Lebensmittelwirtschaft zur Nährwertkennzeichnung einer kritischen Prüfung unterzogen.
www.efsa.europa.eu
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ist beauftragt für die EU-Kommission wissenschaftliche Empfehlungen zur Erstellung von Nährwertprofilen zu erarbeiten. Die Seite bietet außerdem umfangreiche Informationen zu Fragen der Lebensmittelsicherheit in Europa.
www.bfr.bund.de
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat ein Positionspapier über die Erstellung von Nährwertprofilen veröffentlicht.
eur-lex.europa.eu
Hier finden Sie die Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 über die Verwendung nährwert- und gesundheitsbezogener Angaben auf Lebensmitteln sowie andere europäische Rechtstexte zum Download.