Springe direkt zum Inhalt , zum Menü .

40 Jahre Pferdewirt/-in in Marbach

Mädchen mit Pferd
Jürgen Fälchle / Fotolia.com

Vor 40 Jahren wurde die Verordnung über die Berufsausbildung zum Pferdewirt im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Anlass, Rückschau zu halten auf die Entwicklungen im Berufsbild Pferdewirt/-in. 

Schon bevor die Ausbildungsverordnung zum Pferdewirt in Kraft trat, erforderte die Arbeit in Landgestüten eine berufliche Qualifikation. Wer im Haupt- und Landgestüt Marbach vom Gestüthauptwärter in den gehobenen Dienst als Sattelmeister, Obersattelmeister bis hin zum Hauptsattelmeister aufrücken wollte, musste eine Prüfung im Rahmen der Ausbildungs- und Prüfungsordnung für den mittleren technischen Gestütsdienst ablegen. Die Prüfungsanforderungen ähnelten denen des neuen Berufs Pferdewirt. Die Möglichkeit, als Pferdewirt einen staatlich anerkannten Beruf erlernen und ausüben zu können, hatte für die Gestütsmitarbeiter den Vorteil, eine für sie über den eigentlichen Gestütsbereich hinausreichende Wertschätzung und Mobilität des Arbeitsplatzes zu erlangen. Schwerpunkte der Ausbildung waren damals folgende Bereiche: Pferdezucht und -haltung, Reiten, Rennreiten und Trabrennfahren. Das Haupt- und Landgestüt Marbach erhielt die Anerkennung als Ausbildungsbetrieb für die beiden Schwerpunkte Pferdezucht und -haltung sowie Reiten.

Der heutige Ausbildungsleiter Karl Single, der 1978 als einer der ersten seine Prüfung erfolgreich ablegte, erinnert sich noch genau an diese Zeit. Prüfungsort war damals der Betrieb von Anton Steidle in Radolfszell am Bodensee. Den schulischen Part des Dualen Systems übernahm die Berufsschule in Münsingen. Anfang des Jahres 1977 erhielt die Schule den Auftrag, wegen der Nähe zum Haupt- und Landgestüt Marbach die Landesfachklasse für Pferdewirte für das gesamte Land Baden-Württemberg einzurichten. Am 2. November 1977 konnte der Unterricht beginnen. Bis dahin hatten die Auszubildenden gemeinsam Unterricht
mit den Landwirten.

Männerdomäne durchbrochen

Eine kleine „Sensation“ in der männerdominierten Welt des Landgestüts war die erste weibliche Auszubildende
in Marbach. Gisela Georgii aus Steinhausen-Bellamont, verheiratet, zwei Kinder, begann im Sommer 1978 ihre Ausbildung. Dass sie ihren Berufswunsch ernsthaft verfolgte, davon musste sie zunächst den zuständigen Referatsleiter Dr. Bussemer sowie Amtsrat Röser und Landoberstallmeister Dr. Cranz überzeugen. Zwar gab es Vorurteile von älteren Gestütern, aber bei den jüngeren war sie voll akzeptiert. Noch heute erinnert sie sich an den Vollblutaraberhengst Moneef, den sie neben anderen Pferden während ihrer Ausbildungszeit reiten durfte – allerdings nicht bei der Leistungsprüfung, denn die war damals in Marbach noch „Männersache“. Gisela Georgii hat unterschiedliche Ausbildungsstationen vom Stutenstall über die Aufzuchtstationen für Fohlen bis hin zum Reitkommando durchlaufen. Auch diese sind heute Grundpfeiler der Ausbildung im Gestüt.

Vor fünf Jahren, am 7. Juni 2010 wurde die Verordnung aus dem Jahr 1975 durch eine neue Verordnung über die Berufsausbildung zum Pferdewirt und zur Pferdewirtin abgelöst. Die jungen Frauen,  die heute im Gestüt unter den Auszubildenden einen Anteil von 90 Prozent ausmachen, wurden nun endlich in der Überschrift der Verordnung berücksichtigt. Neu geregelt wurde die Ausbildung in fünf Fachrichtungen:

  • Pferdehaltung und Service,
  • Pferdezucht,
  • Klassische Reitausbildung,
  • Pferderennen in den Einsatzgebieten Rennreiten und Trabrennfahren,
  • Spezialreitweisen in den Einsatzgebieten Westernreiten und Gangreiten.

Das Haupt- und Landgestüt Marbach bietet heute über 40 Ausbildungsplätze in drei Fachrichtungen an: Pferdehaltung und Service, Pferdezucht und Klassische Klassische Reitausbildung. Neben den Kenntnissen und Fähigkeiten rund ums Pferd werden den Auszubildenden verstärkt Wissen über Kundenorientierung, Marketing und Kenntnisse über den Pferdebetrieb als Dienstleister in einer freizeitorientierten Gesellschaft
vermittelt.

Verschiedene Ausbildungsstationen

Betriebliche Stationen der Ausbildung im Gestüt Marbach sind: die Landesreitschule, die Landesfahrschule,
die Ausbildungsabteilung für Hengste und Stuten, der Stutenstall mit Abfohlstall, die Besamungs- und Servicestation, die Aufzuchtstationen für Hengst- und Stutfohlen und der landwirtschaftliche Betrieb auf den einzelnen Gestütshöfen. Auszubildende der Fachrichtung Klassische Reitausbildung sind schwerpunktmäßig der Landesreitschule, der Reitabteilung in Marbach und dem Turnierstall auf der Besamungsstation Offenhausen
zugeteilt.

Springreiter
Im Rahmen ihrer Berufsausbildung zum/zur Pferdewirt/-in können die Auszubildenden im Marbach unter den Fachrichtungen Pferdehaltung und Service, Pferdezucht und Klassische Reitausbildung wählen.

Auf den einzelnen Stationen sind Ausbilder für die Auszubildenden verantwortlich, die einer Station durchschnittlich ein halbes Jahr zugehören. Dass ein Ausbilder seinen „Azubi“ nur eine bestimmte Zeit und nicht bis zur Abschlussprüfung begleiten kann, scheint auf dem ersten Blick ein Nachteil, der jedoch durch die Vielfalt der Ausbildung ausgeglichen wird. Für die Auszubildenden der Fachrichtungen Pferdehaltung und Service sowie Pferdezucht finden die Zwischen- und Abschlussprüfungen in Baden-Württemberg, für die Fachrichtung Klassische Reitausbildung an der Deutschen Reitschule in Warendorf statt.

Für die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben, für die Anerkennung der Ausbildungsbetriebe, aber auch für Information und Beratung der Ausbildungsbetriebe und Auszubildenden ist in Baden-Württemberg das Regierungspräsidium Karlsruhe als zuständige Stelle beauftragt. Über 120 Ausbildungsbetriebe aller Fachrichtungen werden von Karlsruhe aus landesweit betreut.

Im Januar und Februar finden in Marbach wieder die Bewerbergespräche für einen Ausbildungsbeginn im September statt. Grundsätzlich genügt ein Hauptschulabschluss zum Erlernen des Berufes. Natürlich spielen sportliche Begabung, körperliche Belastbarkeit und Ausdauer eine wichtige Rolle für eine erfolgreiche Ausbildung. In Marbach werden die Bewerberinnen und Bewerber auch gleich beim Vorstellungstermin aufs Pferd gesetzt. Ein persönliches Gespräch mit der Ausbildungsleitung schließt diesen Tag ab.

In diesem Jahr absolvierten 17 Prüflinge aus Marbach erfolgreich die Abschlussprüfung zur Pferdewirtin,
zum Pferdewirt. Acht davon wurden im November von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung in Warendorf mit der Graf-Lehndorff-Plakette bzw. Stensbeck-Plakette in Bronze für ihre gezeigten Leistungen ausgezeichnet.

Weitere Informationen zum Haupt- und Landgestüt Marbach sind auf der neu gestalteten Internetseite zu finden:
www.gestuet-marbach.de

 

als hilfreich bewerten 0 Versenden
Portrait Dr. Raue
aid

Der Autor

Dr. Thomas Raue

Förderverein Marbach