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Ausbildung bei Unternehmern mit ausländischen Wurzeln

Junger Asiat für grünem Hintergrund
asierromero / Fotolia.com

Die Bereitschaft Jugendliche mit Migrationshintergrund auszubilden ist gering - auch bei Unternehmern mit ausländischen Wurzeln. Die Koordinierungsstelle KAUSA versucht zu helfen.

Im Frühjahr 2014 fragte die Bertelsmann-Stiftung 1.011 potenzielle Ausbildungsbetriebe in ganz Deutschland, ob sie in den vergangenen fünf Jahren junge Menschen mit einem Migrationshintergrund ausgebildet haben. Die Umfrage wies ein ausgesprochen widersprüchliches Ergebnis auf. Zunächst die positive Seite: 41,1 Prozent der 700 Unternehmen, die in diesem Zeitraum tatsächlich ausbildeten, hatten im relevanten Zeitraum bereits Lehrlinge mit ausländischen Wurzeln beschäftigt. Aktuell bilden 15 Prozent der Unternehmen Jugendliche mit Migrationshintergrund aus, das sind rund 70.000 Unternehmen. Aber: 60 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben noch nie einen Jugendlichen mit Migrationshintergrund für eine Ausbildung angenommen – obwohl diese Gruppe ein Viertel aller Jugendlichen ausmacht.

Vielfältige Vorbehalte

38 Prozent der Unternehmen befürchteten zu viele kommunikative Probleme aufgrund von Sprachbarrieren. 14,7 Prozent meinten, dass kulturelle Unterschiede das Betriebsklima belasten könnten und fast noch einmal so viele sagten, dass ihr Betrieb auf die Aufnahme von Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund nicht gut genug vorbereitet sei. Schlechtere Leistungen der Bewerber befürchten immerhin auch 9,1 Prozent – und das wenn die Kandidaten mit der mittleren Reife den erforderlichen Abschluss vorweisen können. „Wer einen mittleren Schulabschluss hat, dürfte in der Regel keine großen Sprachprobleme mitbringen“, sagte aber Claudia Burkard, eine der Autorinnen der Studie. Auch andere Erklärungen der Unternehmen seien schwer nachzuvollziehen. Zum Beispiel, dass 74,8 Prozent der Unternehmen bislang von Jugendlichen mit Migrationshintergrund noch keine Bewerbungen erhalten haben. „Diese Begründung deckt sich nicht mit Erfahrungen aus anderen Untersuchungen“, sagte Burkard. Demnach bewerben sich Jugendliche mit Migrationshintergrund genauso häufig und bei genauso vielen Unternehmen wie ihre Altersgenossen. 

Diese Ergebnisse machen nachdenklich, auch wenn Defizite des Studiendesigns von den Autoren der Studie selbst zugegeben werden. Denn die Studie definierte nicht eindeutig, was genau unter einem Migrationshintergrund zu verstehen ist. „Sie (die befragten Unternehmer) denken vermutlich an Jugendliche mit ausländisch klingenden Namen oder ausländischen äußerlichen Merkmalen“, sagt Mitverfasser Josef Rützel. „Was sie genau für ein Verständnis haben, haben wir im Detail nicht abgefragt.“ Mit anderen Worten: Vielleicht beschäftigen Unternehmen sehr wohl Auszubildende mit Migrationshintergrund, wissen es aber gar nicht, weil weder Aussehen noch Namen eine ausländische Herkunft vermuten lassen, wie bei vielen Deutsch-Russen oder Polen und Rumänen mit deutscher Abstammung.

Migrantenunternehmen

Wie ist es aber bei den Unternehmern mit eigener Zuwanderungsgeschichte? Ist hier die Bereitschaft größer, Azubis mit Migrationshintergrund eine Chance zu geben? In Deutschland gibt es rund 728.000 Selbstständige mit ausländischen Wurzeln. Sie geben weit über zwei Millionen Menschen Beschäftigung. Dabei überwiegen Unternehmer mit polnischer, türkischer und griechischer Abstammung zahlenmäßig gegenüber anderen Nationalitäten. Sie bieten längst nicht mehr nur Arbeitsplätze in den klassischen Branchen Einzelhandel und Gastronomie, sondern immer mehr Jobs entstehen in Wachstums- und Innovationsbranchen. Aber nur in jedem siebten dieser Unternehmen wird ausgebildet. Zum Vergleich: Im bundesdeutschen Durchschnitt bildet aktuell jeder vierte Betrieb aus.

Allerdings sind bei diesen Zahlen vor allem zwei Faktoren zu berücksichtigen. Zum einen ist der Anteil der „Soloselbstständigen“ bei den selbstständigen Migranten (noch) höher als bei denen mit deutscher Abstammung. Das bedeutet, sie beschäftigen im Laufe ihrer beruflichen Karriere keine Angestellten und stellen somit auch keine Ausbildungsplätze zur Verfügung. Zweitens ist der Anteil der Migrantenunternehmen am produzierenden Gewerbe, wo viele Personen beschäftigt werden könnten, ebenfalls relativ niedrig. Die Selbstständigen mit ausländischen Wurzeln, die Arbeitsplätze schaffen, haben ihre Unternehmen vorrangig in den wissensbasierten Branchen und in der Gastronomie beziehungsweise im Einzelhandel gegründet – alles Bereiche, in den vergleichsweise wenig Personal eingestellt werden kann.

Beratung durch KAUSA

Die Gründe, warum Unternehmer mit ausländischen Wurzeln weniger ausbilden, sind sehr vielfältig. Vor allem sind sie weniger vertraut mit dem spezifisch deutschen System der dualen Ausbildung. Auch die Angst vor bürokratischen Hürden spielt eine Rolle bis hin zu der Frage, ob der eigene Betrieb überhaupt die qualitativen Voraussetzungen für einen Ausbildungsbetrieb erfüllt und wenn nicht, ob daher zusätzliches Ausbilderpersonal eingestellt werden muss – das damit weitere Kosten verursacht. 

Um das Ausbildungsengagement der Migrantenunternehmer zu erhöhen, wurde die „Koordinierungsstelle Ausbildung und Migration“(KAUSA) beim Bundesinstitut für Berufsbildung gegründet. Im Rahmen der Programmstelle „Jobstarter“ fördert sie gleichzeitig die Erhöhung der Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Ziel ist es, diesen die Chancen der betrieblichen Ausbildung zu zeigen. Die Selbstständigen werden dabei über den Einstieg in die Ausbildung beraten, bei Bedarf wird ihnen bei der Durchführung der Ausbildung geholfen und sie werden in der Zusammenarbeit mit Arbeitsagenturen, Kammern und anderen Institutionen unterstützt.

Die Bilanz der Arbeit von KAUSA erscheint noch recht bescheiden. Zwischen 2006 und 2013 wurden durch KAUSA 41 Projekte implementiert und durchgeführt. Dadurch konnten bislang gerade einmal 9.000 Ausbildungsstellen in Migrantenunternehmen geschaffen werden (Stand März 2013, neuere Zahlen sind vom BIBB seither nicht veröffentlicht worden). Seit der Gründung von KAUSA hat sich an der Ausbildungsbeteiligung der Unternehmer mit ausländischer Herkunft nur wenig verändert. Sie liegt nach wie vor weit hinter dem bundesdeutschen Durchschnitt. Zumindest im grünen Bereich dürften die Gründe hierfür aber sehr oft ähnliche sein, wie sie auch für Betriebe mit Unternehmern deutscher Herkunft zutreffen. So im Garten- und Landschaftsbau, wo kleine und Kleinstbetriebe dominieren und allein die Größe des Unternehmens ausschlaggebend dafür ist, ob ausgebildet wird oder nicht. Zum Beispiel bei Ajmedar Said aus Bonn: „Die Formalien der dualen Ausbildung würden mich nicht abschrecken. Wenn ich Bedarf hätte, würde ich mich bei der IHK informieren. Unser Betrieb aber ist und bleibt ein kleines Familienunternehmen und wir werden daher auch in der Zukunft keine Lehrstelle einrichten.“

Um mehr Effizienz und Nachhaltigkeit in die Überzeugungsarbeit zu bringen, wurden im Oktober 2013 in verschiedenen deutschen Städten sogenannte „KAUSA-Servicestellen“ gegründet, die teilweise direkt bei den lokalen Industrie- und Handelskammern angesiedelt sind. Durch die Vernetzung relevanter Akteure der betrieblichen Ausbildung, von Betrieben, Schulen und Migrantenverbände vor Ort sollen durch sie umfassende Unterstützungsstrukturen für Selbstständige und Jugendliche mit Migrationshintergrund aufgebaut und weiterentwickelt werden. Teilweise brauchen die neuen Servicestellen nicht bei Punkt Null anzufangen. So zum Beispiel im Raum Stuttgart, wo der Leiter der Servicestelle KAUSA, Edi Matic, berichtet: „Die IHK Region Stuttgart ist bereits seit über zehn Jahren in diversen Vorprojekten zur Gewinnung von Unternehmern mit ausländischen Wurzeln in der Region Stuttgart engagiert. So entstand über die Zeit eine Vielzahl an Migrantenunternehmen, die Ausbildungsbetriebe geworden sind. Konkret bedeutet dies, dass in nahezu allen für eine Ausbildung infrage kommenden Unternehmen eine persönliche Betriebsbesichtigung erfolgt. Dabei wird in den Firmenräumlichkeiten über die Möglichkeiten der dualen Ausbildung informiert und geworben. Zur Vor- und Nachbereitung der Firmenbesuche erfolgt jeweils eine enge Zusammenarbeit mit den Experten bzw. Ausbildungsberatern der IHK Region Stuttgart. Hierbei sind kurze und effiziente Kommunikationswege gewährleistet.“

Über kurz oder lang gilt es, Selbstständige mit Migrationshintergrund im gesamten Bundesgebiet stärker davon zu überzeugen, dass Ausbildung eine Investition in die Zukunft ist und zur Fachkräftesicherung des eigenen Unternehmens beiträgt. Auf der anderen Seite scheinen diese Unternehmen gerade Jugendlichen mit schlechten Schulnoten bessere Ausbildungschancen zu bieten. Das ist die Erfahrung, die die ehemalige Leiterin von KAUSA, Seda Rass-Turgut gemacht hat: „Migrantenbetriebe achten weniger auf die Schulabschlüsse, sondern eher auf den Charakter der Bewerber und ihr Arbeitsverhalten. So können dann auch leistungsschwächere Jugendliche – mit oder ohne Migrationshintergrund – die Ausbildung erfolgreich absolvieren.“

 

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Der Autor

Dr. Joerg Hensiek

Freier Journalist

Bonn