Springe direkt zum Inhalt , zum Menü .

Ausbildung in einer digitalisierten Arbeitswelt

Frau mit Virtual Reality Brille
iStock.com / Christopher Ames

Was bedeutet Medienkompetenz? Wie kann Ausbildung mithilfe digitaler Medien unterstützt und optimiert werden?

Die Digitalisierung umfasst alle Berufe und Wirtschaftszweige. Grundlegende IT-Kompetenzen, einschließlich Prozess-, System- und Problemlösungswissen im Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien, können sich zu einem übergreifenden Standard in der Berufsausbildung entwickeln.

Die Vermittlung beruflichen Wissens kann „IT-gestützt“ mithilfe digitaler Medien erfolgen – oftmals mobil, im Zusammenhang mit dem Austausch von fachlichen Informationen und der Kommunikation zwischen Auszubildenden (z.B. auf einer Baustelle) und Ausbildungspersonal oder zur Dokumentation von Arbeitsergebnissen. Ein Berufsbildungssystem, mit dessen Hilfe in diesem Kontext hochqualifizierte Fachkräfte für wettbewerbsfähige Betriebe ausgebildet werden, muss sich heutzutage möglichst gezielt auch aller Potenziale IT-gestützter Medienformate bedienen können.

Digitale Medien als Brücke

 Digitale Medien stellen die Brücke dar, mit der die enge Wechselbeziehung zwischen Ausbildung, wissensintensiver betrieblicher Facharbeit und fortschreitender Technologieentwicklung in einen interdependenten Zusammenhang gebracht werden können. Die zunehmende Informatisierung betrieblicher Facharbeit, aktuell diskutiert unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ beziehungsweise „Wirtschaft 4.0“, fordert neue Wege zur Qualifizierung der Fachkräfte, um intelligent vernetzte Fertigungs-, Instandhaltungs- und Dienstleistungsprozesse angemessen bedienen zu können.

Mobile Lehr-Lernszenarien

Die hohe Technologie- und Wissensintensität beruflicher Facharbeit führt zudem zu einem verstärkten Bedarf, Wissens- und Lerneinheiten dort zur Verfügung zu stellen, wo sie gebraucht werden: nah am Arbeitsplatz und arbeitsprozessorientiert (Paradigma der Vermittlung beruflicher Handlungskompetenz). Mobile Endgeräte eröffnen neue Möglichkeiten des Informierens, Kommunizierens sowie des Lehrens und Lernens. Auch wenn diese Möglichkeiten aus berufspädagogischer Sicht noch zurückhaltend beurteilt werden, halten Smartphone und Tablet PC zunehmend Einzug in die berufliche Aus- und Weiterbildung.

Es sind didaktische Konzepte zur Vermittlung handlungs- und prozessorientierter Ausbildung gefordert, unterstützt durch den Einsatz digitaler Medien. Nicht das multimediale Angebot und digitale Medien allein führen zu den geforderten Lernerfolgen. Erst die bewusst organisierte Einbettung digitaler Lehr- und Lernumgebungen in didaktische Konzepte und lernförderliche Rahmenbedingungen (stabile Technologie, betriebliches Organisations- und Bildungsmanagement, Medienkompetenz der Nutzer) machen digitale Medien für das berufliche Lehren und Lernen, für die Weiterbildung und den Einsatz im Rahmen der täglichen Facharbeit nutzbar.

Lernprozesse unterstützen

Hier wird deutlich, dass Lehren und Lernen im beruflichen Kontext in erster Linie ein sozialer Prozess ist. Auch deshalb beinhalten digitale Medien keine eigenständige Lernstrategie, kein eigenständiges Lernkonzept und auch keine Lernmethode. Sehr wohl aber können sie Lernprozesse unterstützen, individualisierte Vermittlungswege entsprechend der jeweiligen Leistungsfähigkeit von Auszubildenden ermöglichen, orts- und zeitunabhängige Angebote realisieren und vor allen Dingen völlig neue Kommunikationsräume zur aktiven (gemeinsamen) Gestaltung von Lernprozessen eröffnen. Besonders mit „Web 2.0-Anwendungen“ („social media“) verschwimmen die Grenzen zwischen Lehrenden und Lernenden, da alle am Lehr-Lern-Prozess Beteiligten zusammen an Inhalten und Aufgaben arbeiten, diese verändern, sie wechselseitig kommentieren und im gegenseitigen Informations- sowie Erfahrungsaustausch kontinuierlich vervollständigen sowie aktualisieren können. So kann zum Beispiel auch lernortübergreifendes Lernen im Arbeitsprozess Realität werden.

Vielfältiges Anforderungsprofil

Nicht den digitalen Medien – mit ihren oben skizzierten Möglichkeiten zur Unterstützung betrieblicher Aus- und Weiterbildungsprozesse – kommt eine tragende Rolle bei der Gestaltung der Berufsausbildung zu. Es ist das verantwortliche Ausbildungspersonal, das sich bei der zielgruppengerechten Vermittlung selbstgesteuerten Lernens einem anspruchsvollen Anforderungsmix stellen muss.

Frau und Mann mit Tablet im Feld
Digitale Medien sind inzwischen im Prozess der Aus- und Weiterbildung unverzichtbar.

Neben dem einschlägigen, für die Ausbildung relevanten Fachwissen, existiert ein klarer Bedarf an berufspädagogischen Kompetenzen:

  • Berufspädagogische Methodik: Zentrale Fragen lauten hier, wie Realaufgaben des Arbeitsplatzes (beziehungsweise die Inhalte der Fachtheorie) so aufbereitet werden können, dass Auszubildende möglichst selbstständig und handelnd lernen können. Im Kern geht es um die Frage, wie möglichst kompetenzorientiert ausgebildet werden kann.
  • Begleitung der Auszubildenden: Hier geht es um die Motivation der Auszubildenden, darum, Demotivation zu verhindern, Kommunikationsverhalten angemessen zu gestalten und bei Problemen zu unterstützen.
  • Verhaltens- und Leistungsbeurteilung: Für alle Akteure an beiden Lernorten stellen sich die Fragen, wie sie richtig beobachten und das Beobachtete angemessen verbalisieren können.

Eine Expertenkommission des Bundesbildungsministeriums für Bildung und Forschung definierte seinerzeit anhand von vier Merkmalen Dimensionen von Medienbildung, die explizit nicht als eigenes geschlossenes Profil verstanden werden (BMBF 2010). Die Expertenkommission listete folgende vier Dimensionen auf:

  • Information und Wissen: Informationen bewerten, auswählen und nutzen;
  • Kommunikation und Kooperation: Informations- und Erfahrungsaustausch im Netz;
  • Identitätssuche und Orientierung: selbstorganisierte Lernprozesse gestalten und vermitteln, Teilhabe an der Gesellschaft;
  • digitale Wirklichkeiten und produktives Handeln: proaktive Nutzung virtueller Lern- und Arbeitsumgebungen für berufliche Aus- und Weiterbildungsprozesse.

Lernprozessbegleiter

 In Verbindung mit einem bewussten und ergebnisorientierten Einsatz digitaler Medien zur Unterstützung des Ausbildungsprozesses, führt dies zu neuen anspruchsvollen Aufgaben und einer neuen Rolle des Ausbildungspersonals, die am ehesten als die eines Lernprozessbegleiters, eines moderierenden und koordinierenden Coachs zur Gestaltung des Lernens im Prozess der Arbeit der Auszubildenden charakterisiert werden kann. Im Zuge eines kompetenten Medieneinsatzes wandelt sich das Rollenverständnis des Ausbildungspersonals vom „dozierend“ Lehrenden zum Lernbegleiter, der eine moderierende Funktion übernimmt.

Zu diesem Anforderungsprofil gehört auch die Fähigkeit, die interaktiven und multimedialen Möglichkeiten digitaler Lernszenarien auf Grundlage entsprechender medienpädagogischer Kompetenz effektiv nutzen zu können. Medienpädagogische Kompetenz (betrieblichen) Ausbildungspersonals zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, mit (digitalen) Medien produktiv umgehen zu können. Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung (Baacke 1999) sind als umfassender Set von Kompetenzen notwendig, um digitale Medien für das Lehren und Lernen in der Aus- und Weiterbildung ergebnisorientiert einsetzen zu können.

Medienpädagogische Kompetenz

Betrieblichem Ausbildungspersonal kommt in diesem Kontext eine tragende Rolle bei der Gestaltung der Berufsausbildung und der Facharbeit zu. Zum fachlichen und berufspädagogischen Anforderungsprofil gehört auch die Fähigkeit, die interaktiven und multimedialen Möglichkeiten digitaler Lehr- Lernszenarien auf Grundlage entsprechender medienpädagogischer Kompetenz effektiv nutzen zu können. Medienpädagogische Kompetenz beinhaltet eine Vielfalt an Kompetenzen, die vom technischen Verständnis über berufspädagogisches Know-how und die Gestaltung selbstorganisierter Lernprozesse bis hin zur Organisation des Wissensmanagements reicht. Sie umfasst das Lernen mit digitalen Medien, das Lernen über digitale Medien und das grundsätzliche Verständnis darüber, wie Medien in die jeweiligen betrieblichen Organisationsstrukturen integriert werden können (Medienintegration). Ein aktuelles BIBB-Projekt erarbeitet zurzeit auf Grundlage eines eigen entwickelten Modells „medienpädagogische  Kompetenz“ Handlungsempfehlungen zur Weiterbildung betrieblichen Ausbildungspersonals (BIBB 2015).

Auszubildende mit Lehrperson am Arbeitsplatz im Labor
Neue anspruchsvolle Rolle der Ausbilder als Lernprozessbegleiter

Digitale Medien integrieren

Abschließend sei festgehalten, dass digitale Medien selbst noch keine (neue) eigenständige Lernform darstellen. Lernen und Kompetenzerwerb sind auf eine angemessene Lernumgebung und auf professionell geschultes Ausbildungspersonal angewiesen. Digitale Medien unterstützen Lernprozesse in komplexen, sich kontinuierlich wandelnden Arbeitsumgebungen, die ihrerseits inzwischen vielfach hochgradig IT-induziert sind. Sie können dabei der selbstgesteuerten Informationsgewinnung dienen, die Kommunikation und den unmittelbaren Erfahrungsaustausch unterstützen, unmittelbar benötigtes Fachwissen über den netzgestützten Zugriff auf Herstellerinformationen ermöglichen und damit das Lernen im Prozess der Arbeit begleiten. Mit ihrer Hilfe können Lernwege und Kompetenzerwerb dokumentiert werden.

Lernvorgang strukturieren

Der Lernvorgang muss daher mit den darauf abzielenden betrieblichen (und berufsschulischen) Lernzielen geplant, strukturiert sowie organisiert werden. Dies sollte kooperativ geschehen, die neue anspruchsvolle Rolle des Bildungspersonals als professioneller Lernprozessbegleiter wird hier deutlich. Die zum Informieren und Lernen erforderliche Lernumgebung, die notwendige Informations- und Lernstrategie sowie Zeitkontingente sind zu bestimmen und sinnvoll in den übergreifenden Aus- oder Weiterbildungskontext zu integrieren. Ebenso sind die Ergebnissicherung und -kontrolle zu gewährleisten. Der Einsatz unterschiedlicher digitaler Medien erfolgt inzwischen oft unter Nutzung verschiedener Features, die aufeinander abgestimmt und sequenziert werden müssen. Gruppen- und Einzelarbeit benötigen ebenfalls Organisation und Koordination.

Digitale Medien sind in diesem skizzierten Rahmen explizit als Teil eines umfangreichen Bildungs- und Managementkonzeptes zu verstehen. Sie sollten weder begrifflich auf Technologie reduziert noch technologiegetrieben eingeführt werden. Digitale Medien entfalten ihre Wirkung, wenn es gelingt, sie in ein differenziertes Lernarrangement zu integrieren, das Präsenzphasen mit netzgestützten Lernphasen kombiniert. Der Methodenmix ist anspruchsvoll und erfordert ein ganzheitliches betriebliches Bildungsmanagement, das in einen Organisationsentwicklungsprozess integriert sein sollte.

Handlungsorientierte Ausbildungskonzepte

Die neuen gestaltungsoffenen und technikneutral formulierten Ausbildungsordnungen reflektieren die Veränderungen in der Arbeitswelt und ermöglichen Betrieben eine qualitativ hochwertige berufliche Ausbildung. Handlungsorientierte Ausbildungskonzepte, die zum Beispiel mithilfe von Lern- und Arbeitsaufgaben den Prozessgedanken moderner betrieblicher Fertigungs- und Instandhaltungssysteme vermitteln, können als fast zeitloses didaktisches Konzept gelten. Der Einsatz digitaler Medien bis hin zu Web-2.0-Anwendungen spielt zwar eine wichtige und inzwischen unverzichtbare Rolle, um Lehr- und Lernprozesse zu unterstützen, sollte aber nicht als „Königsweg“ zur Gestaltung moderner Berufsausbildung missverstanden werden. Eine proaktive Gestaltung zukunftsfähiger Berufsausbildung reicht von der systemischen Ebene bis hin zur praktischen Gestaltung handlungsorientiert ausgerichteter Lern- und Arbeitsaufgaben im Betrieb.

Digitale Medien benötigen keine neue Didaktik. Die zeitgemäße Vermittlung von Lehr- und Lernangeboten ist unabhängig vom Medieneinsatz immer an die Konzeption handlungsorientierter Fachinhalte gebunden. 

 

als hilfreich bewerten 0 Versenden
Michael Härtel
privat

Der Autor

Michael Härtel

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Leiter des Arbeitsbereichs 3.2 (Digitale Medien, Fernlernen, Bildungspersonal)

Bonn

Literatur

Baacke, Dieter (Hrsg.) (1999):

Handbuch Medien - Medienkompetenz: Modelle und Projekte

Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn

BIBB (2015):

Digitale Medien in der betrieblichen Berufsbildung - Medienaneignung und Mediennutzung in der Alltagspraxis von betrieblichem Ausbildungspersonal.

URL: https://www2.bibb.de/bibbtools/de/ssl/dapro.php?proj=3.2.305  (Stand 17.03.2016)

BMBF (2010):

Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur - Medienbildung für die Persönlichkeitsentwicklung, für die gesellschaftliche Teilhabe und für die Entwicklung von Ausbildungs- und Erwerbsfähigkeit.

Berlin, Bonn