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Berufskrisen: Mythos Traumberuf?

Straße mit "Traumjob" Aufschrift
Marco2811 / Fotolia.com

Hat der Traumberuf ein Verfallsdatum? Was tun, wenn im Arbeitsalltag Euphorie und Faszination auf der Strecke bleiben? Welche Wege führen aus der beruflichen Krise?

Es gibt derzeit etwa 350 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe. Und trotzdem sind es letzten Endes immer die zehn gleichen Berufe, für die sich mehr als die Hälfte aller Jugendlichen entscheiden. Die männlichen Bewerber bevorzugen seit Jahren eine Ausbildung als Kraftfahrzeugmechatroniker, die weiblichen eine kaufmännische Lehre im Büro oder eine Ausbildung zur Arzthelferin. Diese Ausbildungen gelten unter Jugendlichen als Traumberufe. 

Traumberufe entwickeln sich meist aus verschwommenen Wunschvorstellungen heraus. In vielen Fällen erleben Berufsanfänger jedoch einen Praxisschock: einen Kontrast zwischen angenommener und tatsächlicher Berufsrealität. So führt der Wunsch, mit Menschen in Kontakt zu kommen, sie zu beraten und sich mit ihnen auszutauschen, häufig zu einer Ausbildung im Verkauf. Tatsächlich aber wird in diesem Bereich oftmals eher zurückhaltend kommuniziert. So kann aus dem Traumberuf ein Albtraum werden, eine bittere Enttäuschung, die laut Berufsbildungsbericht häufig zu einem Ausbildungsabbruch führt.

Rushhour des Lebens

Wer die ersten Krisen des Berufslebens überstanden hat, kommt in eine Phase, die in der Familienpolitik und Soziologie als „Rushhour des Lebens“bezeichnet wird. Die Verwendung des Begriffs
„rush hour“, englisch für „Hauptverkehrszeit“, stellt die zeitliche Verdichtung hinsichtlich der Lebensereignisse junger Erwachsener heraus: sich im Beruf etablieren und Karriere machen, den richtigen Lebenspartner finden, heiraten, Kinder kriegen, großziehen und glücklich machen, vielleicht ein Haus bauen und für das eigene Alter vorsorgen – all das und noch viel mehr sollen junge Frauen und Männer in der Lebensspanne zwischen 20 und 40 Jahren schaffen.

In der folgenden Lebensphase zwischen 40 und 50 hat der Berufstätige seine äußeren Ziele für gewöhnlich erreicht. Nach den Jahren der beruflichen Euphorie und dem Auf und Ab, das ein Berufsleben mit sich bringt, beginnt die Rushhour des Lebens sich langsam zu beruhigen. Allmählich macht sich eine gewisse Gleichförmigkeit und Ereignislosigkeit breit: Der (Arbeits-)Alltag wirkt öde, das eigene Handeln wird hinterfragt, Zweifel am eingeschlagenen Weg entstehen, eine mehr oder weniger heftige (berufliche) Krise droht. War das schon alles? Wie soll es denn jetzt weitergehen? Soll es das überhaupt: weitergehen? Ist es die Mühe noch wert? Lohnt es sich wirklich?

Geplatzte Illusionen

In der Krise wächst nicht selten die Hoffnung, dass endlich der Traumberuf die projizierten Versprechen erfüllt, die der Träumer mit seiner Wahl verknüpfte. Das aber stellt sich nicht ein, zumindest nicht im erhofften Ausmaß. So ist es häufig nicht verwunderlich, wenn Unzufriedenheit mit dem bisherigen Tun auftaucht und diese Unzufriedenheit sich in einer Anti-Haltung gegenüber dem Traumberuf offenbart.

Die Betroffenen wählen oft zwei ganz unterschiedliche Reaktionen: Wenn die Illusionen des Traumberufes erst einmal geplatzt sind, sitzen die einen ratlos fest. Sie hadern mit ihrem (Berufs-)Leben und der Krise, sie bleiben in ihr gefangen. Eine Depression oder der Zustand totaler Erschöpfung können die Folge sein. 

Die andere Reaktion ist aggressiver: Die Betroffenen versuchen nicht aus ihrer Krise herauszukommen, aber sie suchen einen Schuldigen. Schuld ist der Traumberuf, der sich im Verlauf der letzten 20 bis 25 Jahre notwendigen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt anpassen musste. Fielen die kleinen und großen Veränderungen des Berufes jedoch bislang nicht ins Gewicht, erscheinen sie plötzlich in einem ganz anderen Licht: Der Landwirt klagt über die Einschränkungen durch die zunehmenden Verordnungen und Richtlinien, die Arzthelferin über Patienten, die ihre vereinbarten Termine nicht einhalten, der Ausbilder über schwierige Auszubildende und alle zusammen über steigenden Bürokratismus, fehlende Unterstützung und Zeitmangel.

Sie alle haben mit ihrer Art, wie sie die kleinen und großen Veränderungen wahrnehmen, innerlich erleben und interpretieren, recht. Aber was haben sie davon? Glücklich scheinen die wenigsten von ihnen damit zu sein. Wer über das entsprechende Alter verfügt, setzt in dieser scheinbar ausweglosen Situation auf den Wechsel in den Ruhestand. Bis dahin lassen sie die Dinge laufen, wie sie eben laufen, und warten ab – nicht selten aus einer klagenden Position heraus. Bei dieser Position handelt es sich unter Berücksichtigung des Ich-Zustands-Modells der Transaktionsanalyse um das innere Kind, genau genommen um das angepasste Kind-Ich. Darin steckt die Energie fest, die so dringend für das Bewältigen anstehender Aufgaben oder das Setzen neuer (Lebens-) Ziele benötigt wird. Hier schließt sich der Kreis zum Traumberuf. Auch er entspringt einer kindlichen Fantasie, die einen gewöhnlichen Beruf erst zu einem Traumberuf aufwertet. Die damit verbundenen Hoffnungen müssen irgendwann bitter enttäuscht werden, weil kein Traumberuf in der Lage ist, diese vielfältigen, ganz unterschiedlichen und zum Teil sich widersprechenden Sehnsüchte zu erfüllen. Wer diese Kausalität erkennt, ist weitaus besser in der Lage, mit den Enttäuschungen umzugehen, als diejenigen, die sie nicht erkennen oder sich innerlich dagegen wehren.

Change it, leave it or love it

Aber ohne die Fähigkeit, in Alternativen für sich selbst zu denken, besteht die Gefahr, in einer mentalen Sackgasse zu landen. Der Dreisatz „Change it, leave it or love it“ bietet eine Alternative im Umgang mit Krisen. Im Allgemeinen dient eine Krise dazu, den Betroffenen darauf aufmerksam zu machen, dass er nicht mit sich eins ist. Nur dann, wenn in ihm andere Ideen, Vorstellungen, Ziele, Strömungen herrschen, die er wahrnimmt, ihnen aber nicht folgt, kann es zu einer Krise kommen; sie dient damit dem bisher Übersehenen. Auf diese Weise betrachtet handelt es sich bei einer Krise um eine sinnvolle Korrektur, die anscheinend erfolgen muss, weil die Richtungsänderung bislang nicht freiwillig erfolgt ist. Eine Krise verlangt also eine Änderung entweder des Verhaltens oder der Einstellung, meistens beides.

  • Die erste Möglichkeit im Umgang mit einer (Berufs-) Krise ist die wichtigste: etwas ändern. Wenn es im Umfeld des Betroffenen Bedingungen gibt, die ihn stören, dann sollte er sich dafür einsetzen, sie in seinem Sinne zu ändern. Anstatt also über die zunehmend unzulänglichen Rahmenbedingungen zu klagen, ist es für den eigenen Energiefluss hilfreicher, sich als Mitgestalter der Arbeitswelt zu erleben.
  • Die zweite Handlungsmöglichkeit besteht darin, das Umfeld zu verlassen. Wenn einem Betroffenen etwas wirklich wichtig ist und er sieht keine Chance mehr, in dem Umfeld noch etwas zu ändern, dann besteht kein Grund, dort zähneknirschend auszuharren. Wenn sich die Umstände von einem einzelnen nicht ändern lassen, gilt es, diese anzuerkennen. Dann steht der Betroffene vor der Entscheidung, ob er mit dem, was ist, leben kann, oder besser gehen sollte. Idealerweise erfolgt diese Entscheidung unter Berücksichtigung aller übrigen Werte und Interessen.
  • Wenn der Betroffene zu der Erkenntnis kommt, dass ein Wechsel seines Umfeldes mit mehr Nachteilen als Chancen verbunden ist, dann kommt die dritte Handlungsmöglichkeit in Betracht: etwas mit ganzem Herzen tun. Wohl wissend, dass der Traumberuf durchaus seine Schattenseiten hat, ist es aber nach wie vor dieser Beruf, dem sich der Betroffene mit seiner ganzen Leidenschaft hingeben will. Diese innere Haltung entspricht der Redewendung: „Man kann zwar nicht den Wind bestimmen, aber man kann die Segel setzen.“ Wer unerfreuliche Umstände also nicht ändern kann, hat immer noch die Möglichkeit, seine innere Einstellung neu auszurichten.

Ungelebtes Leben leben

Manchmal liegt es aber gar nicht am Beruf selbst oder an den beruflichen Umständen – sie werden nur in einer krisenhaften Zeit als Projektionsflächen für die momentane Unzufriedenheit herangezogen. Dabei vergessen die Betroffenen allzu oft, dass nicht nur ihr äußeres Umfeld sich verändert hat, sondern vor allem sie selbst sind längst nicht mehr die, die sie einmal zu Beginn ihrer Berufswahl waren. Wer diese inneren Entwicklungen in seiner Reflektion berücksichtigt, entdeckt gelegentlich, dass sich hinter der Krise ein Leben offenbart, das auch hätte anders gelebt werden können.

Die Krise lädt zum Innehalten und zum Reflektieren über das eigene Dasein ein. Es ist eine Chance, festgefahrene Lebensmuster und Vermeidungsstrategien und damit zusammenhängende innere Konflikte zu betrachten. Am Ende dieser Reflexion steht die Desillusion, zu Deutsch: die Enttäuschung. So bitter sich diese Phase für die Betroffenen auch anfühlen mag und so paradox es klingt: Die Enttäuschung bietet die Chance eines Neuanfangs. Denn wenn die Ernüchterung eintritt und die Desillusionierung sich auflöst, wird vielleicht der Blick frei für Aspekte der Persönlichkeit, die lange vernachlässigt wurden und deshalb zu kurz gekommen sind. Wem es gelingt, sich dem Ungelebten, dem eigenen Schatten zu stellen, wie es Carl Gustav Jung, der Begründer der analytischen Psychologie, formulierte, und die unterdrückten, nicht akzeptierten Persönlichkeitsanteile wieder mitleben zu lassen, kann erfahren, wie schrittweise die Motivation im (Beruf-)Alltag wieder wächst. Wer jedoch den Mut des Innehaltens und Reflektierens nicht aufbringt und die Schuld für die bedrückende Lage weiterhin im Außen sucht, bewegt sich möglicherweise in Richtung Leere und Sinnlosigkeit. 

Zum Schluss noch ein Tipp: Eine wirkungsvolle Prävention gegen Sinnkrisen jeglicher Art ist die Integration folgender drei Sätze: „Ich liebe, was ich tue. – Ich liebe, wo ich bin. – Und ich liebe, mit wem ich bin.“ Wer diese drei Sätze regelmäßig mit ja beantworten kann, bleibt authentisch und lebendig, lässt sich im (Berufs-)Alltag nicht von irgendwelchen Konventionen einmauern, bleibt offen für neue Ideen und findet immer wieder gute Gründe, morgens aufzustehen.

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Der Autor

Michael Kluge

Ausbilder-Coach (IHK/EAS), Personaltrainer und Buchautor

Pattensen