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Betriebliche Gesundheitsförderung – ein Praxisbeispiel

Rueckenschule aid
aid

Gesunde und motivierte Mitarbeiter sind das wertvollste Gut eines Unternehmens. In diesem Sinn hat der aid infodienst die hausinterne Arbeitsgruppe Betriebliche Gesundheitsförderung gegründet.

Gerade Büroarbeit mit langem Sitzen und Arbeiten am PC führt bei vielen Mitarbeitern zu Rückenschmerzen und Verspannungen. Nach Berichten gesetzlicher Krankenkassen verursachten in den letzten Jahren Muskel- und Skeletterkrankungen, also auch Krankheiten des Rückens und der Wirbelsäule, die meisten Fehltage (BKK Dachverband 2013, DAK-Gesundheit 2013). Aber auch Übergewicht und Adipositas als Folge einer unausgewogenen Ernährung und mangelnder Bewegung sowie psychosoziale Belastungen führen oftmals zu Leistungseinbußen, verbunden mit Unzufriedenheit und Arbeitsausfällen. 

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin definiert Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) so: „Betriebliche Gesundheitsförderung umfasst alle gemeinsamen Maßnahmen von Arbeitgebern, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sowie der Gesellschaft zur Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz.“ Das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) bildet dabei den Rahmen (s. Tabelle 1). Unter betrieblichem Gesundheitsmanagement versteht man „die Entwicklung integrierter, betrieblicher Strukturen und Prozesse, die die gesundheitsförderliche Gestaltung von Arbeit und Organisation und vom Verhalten am Arbeitsplatz zum Ziel haben und den Beschäftigten wie dem Unternehmen gleichermaßen zugutekommen“ (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin 2014). Es profitieren also sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber von der Betrieblichen Gesundheitsförderung (s. Tabelle 2). Das zeigt auch das folgende Best-Practice- Beispiel.

Gesundheitsförderliche Maßnahmen

Der Betriebsrat zeigte die Rolle und die Handlungsmöglichkeiten einer Betrieblichen Gesundheitsförderung für den aid infodienst auf. Mit Vereinbarungen zu Gleitzeit und Mitarbeitergesprächen sowie der Gründung einer Resonanzgruppe, in der Mitarbeiter aus allen Ebenen auf Augenhöhe miteinander sprechen, setzte der aid infodienst bereits gesundheitsförderliche Maßnahmen um. Im Oktober 2013 fiel die Entscheidung, zusätzlich eine Arbeitsgruppe zu gründen, die sich gezielt mit Gesundheitsförderung beschäftigen sollte (AG BGF). Interessierte Mitarbeiter fanden sich zusammen und entwickelten in enger Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung, der zuständigen Mitarbeiterin für Arbeitsschutz und dem Betriebsrat entsprechende Maßnahmen.

Um von Anfang an eine starke Mitarbeiterbeteiligung zu gewährleisten, legte die AG den Kollegen fünf konkrete Vorschläge zur Abstimmung vor (s. Tabelle 3). Für die Durchführung von Gesundheitskursen und Bewegungsangeboten stellte die Geschäftsführung 60 Minuten Arbeitszeit pro Woche zur Verfügung. Um den Mitarbeitern Informationen zu den durchgeführten Maßnahmen zugänglich zu machen, richtete die AG einen Ordner im Intranet ein.

Bewegungspausen: Mit dem Ziel, Verspannungen zu lockern, einen körperlichen und geistigen Ausgleich zu schaffen, das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, ein gemeinsames Gruppenerlebnis zu schaffen und Abwechslung in den Arbeitsalltag zu bringen, bietet die AG BGF seit Anfang 2014 regelmäßige Bewegungspausen an. Diese finden in Selbstorganisation zweimal pro Woche zu festgelegten Zeiten statt. Ein Mitarbeiter führt die teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen durch Kräftigungs-, Koordinations-, Dehn- und Lockerungsübungen. Die Bewegungspause dauert durchschnittlich sieben Minuten. Über den Zeitpunkt der Bewegungspausen entschieden die Mitarbeiter per Abfrage. Im Zeitraum Januar 2014 bis Juli 2014 nahmen im Schnitt zehn Personen an den Bewegungspausen teil. 

Mittels Fragebogen evaluierte die AG nach zwei Monaten die bis dahin stattgefundenen Bewegungspausen. Alle Mitarbeiter (n=67) fanden die Fragebögen ausgedruckt auf ihrem Schreibtisch und konnten diese nach dem Ausfüllen anonym in einen dafür vorgesehenen Karton werfen. 45 Mitarbeiter gaben ihren Fragebogen ab; die Response- Quote lag damit bei 71 Prozent. Die Befragung ergab, dass insgesamt 33 Personen an den Bewegungspausen teilgenommen hatten. Vor allem nicht beeinflussbare Faktoren wie Termine und Urlaub hinderten die Mitarbeiter daran, an den Bewegungspausen teilzunehmen. 97 Prozent der Befragten fanden die Bewegungspausen gut oder sehr gut. 40 von 67 Mitarbeitern sprachen sich dafür aus, diese Maßnahme weiterhin anzubieten. Die Mehrheit der Befragten wünschte sich, dass die Bewegungspause zweimal pro Woche stattfindet. Den Schwierigkeitsgrad empfand der Großteil der Befragten als genau richtig. 82 Prozent würden gerne per Mail über neue Termine informiert werden. Die Befragung wies positive Effekte auf die Gesundheit und Zufriedenheit der Mitarbeiter aus (s. Abbildung 1). 80 Prozent der Befragten motivierte die Bewegungspause für die Arbeit, 66 Prozent konnten „den Kopf frei bekommen“ und fühlten sich danach konzentrierter. Das zeigten auch die Antworten auf die offene Frage „Was hat Ihnen an der Bewegungspause besonders gut gefallen?“ (s. Tabelle 4).

Die Frage „Was hat Ihnen nicht so gut gefallen, was gibt es noch zu verbessern oder was wünschen Sie sich?“ machte den Wunsch nach regelmäßigen Terminen, gerne auch mit Musik, deutlich. 

Stressbewältigungsseminar: Hektik, wachsende Anforderungen und zunehmender Termindruck beeinflussen den Alltag vieler Menschen negativ. Das Stressbewältigungsseminar bot den Mitarbeitern einen Einblick in die körperlichen Abläufe bei Stress und beleuchtete die unterschiedlichen Einflussfaktoren. Anhand verschiedener Themenblöcke, zum Beispiel zur Achtsamkeit, erarbeiteten die Mitarbeiter Möglichkeiten, bestimmte Verhaltensweisen zu ändern und lernten Übungen kennen, um in Zukunft besser mit dem eigenen Stress umgehen zu können. Der Kurs fand einmal wöchentlich über sieben Wochen statt, eine Einheit dauerte 45 Minuten. Der aid infodienst konnte das Seminar kostenfrei anbieten, da die Durchführung eine zu dieser Zeit beim aid beschäftigte Praktikantin mit entsprechender Qualifikation übernahm. An dem Kurs nahmen 15 Mitarbeiter teil.

Parallel zur Evaluation der Bewegungspause erhielten die Teilnehmer des Seminars einen Extra- Fragebogen. Zwölf der 15 Teilnehmer nahmen an der Befragung teil. Das entspricht einer Response- Quote von 80 Prozent. Der Großteil der Befragten hatte das Gefühl, nach dem Seminar besser mit Stress umgehen zu können und hatte ein höheres Bewusstsein für Stress und seine vielen Facetten. 92 Prozent der Befragten hat das Seminar insgesamt sehr gut oder gut gefallen. Alle Teilnehmer sprachen sich dafür aus, ein solches Seminar zu wiederholen. Gut die Hälfte der Befragten wünschtesich sowohl theoretische Grundlagen als auch Entspannungsübungen als Inhalte des Seminars. 42 Prozent würden eine Fokussierung auf Entspannungsübungen vorziehen.

Rückenschule: Nicht nur die Schreibtischarbeit und das lange Sitzen am Computer verursachen oftmals Rückenprobleme. Zusätzlich verstärken psychische Belastungen wie zum Beispiel Konflikte am Arbeitsplatz und Stress die Beschwerden. Daher organisierte die AG BGF in Zusammenarbeit mit einer Krankenkasse einen Rückenkurs. Dieser fand von April bis Juli in den Räumlichkeiten des aid statt und umfasste zehn Einheiten à 45 Minuten. Das ganzheitliche Bewegungsprogramm dient der Reduzierung rückenspezifischer gesundheitlicher Risiken und richtet sich an gesunde Personen im Alter von 20 bis 55 Jahren. Um das Erlernte zu Hause wiederholen und weiterführen zu können, erhielten die Teilnehmer ein Skript. An dem ersten Kurs nahmen 18 Mitarbeiter des aid teil. Im September 2014 fand für die restlichen 15 Interessenten derselbe Kurs noch einmal statt. Die Rückenschule war für die aid-Mitarbeiter kostenfrei.

Mittagsverpflegung: Neben der Bewegung ist auch die Ernährung ein wichtiger Bestandteil der Betrieblichen Gesundheitsförderung. Da für die aid-Mitarbeiter keine Kantine oder Mensa zur Verfügung steht, entstand die Idee, ein warmes Mittagessen ins Büro liefern zu lassen. Ziel war, nicht nur ein Essen anzubieten, sondern auch einen Anreiz zu schaffen, sich für das Essen Zeit zu nehmen und es gemeinsam mit den Kollegen einzunehmen. Da nur 13 Mitarbeiter an diesem Vorschlag Interesse hatten, ließ sich die Idee, einen Caterer zu engagieren, nicht umsetzen. Dafür hätten drei- bis viermal pro Woche 20 Essen abgenommen werden müssen. Um Alternativen zu sondieren, lud die AG die Interessenten zeitnah zu einem gemeinsamen Termin ein. Die Gruppe entschied, einmal pro Woche eine Sammelbestellung bei nahegelegenen Restaurants aufzugeben. Im Wechsel kümmern sich zwei der Gruppenmitglieder um die Organisation der Mittagsmahlzeit. Sie laden alle aid-Mitarbeiter per Mail ein, aus der entsprechenden, eingescannten Speisekarte zu wählen und sich in eine Liste einzutragen. Nach der Lieferung essen alle gemeinsam in einem der Besprechungsräume. Im Schnitt nehmen acht Mitarbeiter das Angebot wahr. 

Einbau einer Dusche: Um den Mitarbeitern sportliche Betätigung vor der Arbeit oder während der Mittagspause zu erleichtern, entstand die Idee zum Einbau einer Dusche. Die Möglichkeit, sich nach dem Joggen oder Radfahren frisch zu machen, könnte Sport treibende Mitarbeiter unterstützen und noch nicht aktive Mitarbeiter zum Sport motivieren. Im Gegensatz zu den anderen Maßnahmen wäre hier der organisatorische Aufwand weitaus größer. Die Abfrage zeigte das Interesse von elf Mitarbeitern an einer Dusche. Die Umsetzung der Idee ist noch nicht erfolgt. Hier sind weitere Informationen nötig, auch, um den Nutzen gegen die Kosten abzuwägen.

Positives Arbeitsklima

Die Einführung der Betrieblichen Gesundheitsförderung im aid ist bei den Mitarbeitern auf große Zustimmung gestoßen. Das ist an den Ergebnissen der Evaluation und an persönlichen Gesprächen deutlich erkennbar. Die positive Wirkung auf das Arbeitsklima hoben die Mitarbeiter besonders hervor. Die Bewegungspausen finden jetzt bereits seit Januar 2014 zweimal pro Woche immer zur gleichen Uhrzeit statt. Auch die Anregung, die Bewegungspausen mit Musik zu begleiten, wurde aufgenommen. Wechselnde „Kursleiter“ sorgen für Abwechslung und die Aufteilung von Arbeit und Verantwortung auf mehrere Schultern. Schön zu beobachten ist, dass sich mit der Zeit immer mehr Kollegen freiwillig gemeldet haben, um eine Bewegungspause anzuleiten. So ließen sich unter anderem die Elemente Kräftigung, Rückenschule, Koordination und Tai Chi kombinieren. Es hat sich gezeigt, dass die Bewegungspause im Ausnahmefall auch ohne vorgesehenen Leiter stattfinden kann. Die Gruppe organisiert sich dann selbst. Für die Bewegungspause spricht, dass sie ohne viel Aufwand und ohne Kosten zu bewerkstelligen ist. Ziel ist weiterhin, die Bewegungspause in den Arbeitsalltag zu integrieren und weiterzuentwickeln. Viel positives Feedback erhielt die AG BGF auch zur Rückenschule. Idealerweise sollte diese regelmäßig angeboten werden. In diesem Fall müsste allerdings die Finanzierung gesichert sein. Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung werden steuerlich (Einkommenssteuergesetz (EStG), § 3 Nr. 34) unterstützt: „[∩] 500 Euro kann ein Unternehmen pro Mitarbeiter und Jahr [∩] lohnsteuerfrei für Maßnahmen der Gesundheitsförderung investieren“, so das Bundesministerium für Gesundheit. Möglich wäre auch, dass sich die Mitarbeiter finanziell beteiligen. Die Durchführung in den Räumlichkeiten des aid und die Dauer der Einheiten mit 45 Minuten haben sich bewährt.

Wachsendes Bewusstsein

In Zukunft will sich die AG zusätzlich dem Thema „Psychische Belastungen“ widmen. Nach den Muskel- und Skeletterkrankungen sind psychische Erkrankungen die zweithäufigsten Ursache für Krankheitstage (BKK Dachverband 2013, DAK-Gesundheit 2013). Von insgesamt 522 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen entfielen laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales 60 Millionen (11,4 Prozent) auf psychische- und Verhaltensstörungen. Grund dafür können veränderte psychische Belastungen am Arbeitsplatz, etwa durch Zeitdruck, und/oder die neuen Kommunikationstechnologien sein oder auch ein neues Verständnis für diese Krankheitsbilder in der Gesellschaft. Es wird sich zeigen, wie sich die Betriebliche Gesundheitsförderung im aid weiterentwickeln wird, aber die ersten Schritte sind getan. Die Aktionen und das Engagement der AG sind auf große Zustimmung bei den Mitarbeitern gestoßen. Interesse und Sensibilität für die Gesundheit am Arbeitsplatz sind sowohl bei den Mitarbeitern als auch auf der Führungsebene gewachsen. Die Betriebliche Gesundheitsförderung ist daher unbedingt als Bereicherung des Arbeitsalltags zu werten.

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Die Autorin

Annalena Wall

Masterstudium „Public Health Nutrition“ an der Hochschule Fulda, freie Autorin

Schwetzingen