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Der Weg zum neuen Beratungsmarkt

Zwei Männer unterhalten sich, Traktor im Hintergrund
landpixel.de

Vor über einem Jahr startete Baden-Württemberg mit einer neuen Beratungsförderung. Anlass für einen Blick auf die ersten Erfahrungen und Ansatzpunkte zur Weiterentwicklung.

Die Beratungslandschaft in Baden-Württemberg hat sich verändert. Mitte des vergangenen Jahres löste die Förderung von Beratungsmodulen die bisherige Beratungsdienstförderung ab. Baden-Württemberg unterstützt seitdem die Beratung landwirtschaftlicher Betriebe im Rahmen seines Maßnahmen- und Entwicklungsprogramms Ländlicher Raum (MEPL III) mit europäischer Kofinanzierung (zu den Vorarbeiten und Zielen der Weiterentwicklung s. B&B Agrar 6/2014, S. 26ff). Mittlerweile liegen Erfahrungen zur Vergabe der Beratungsmodule und aus dem ersten Jahr der neu gestalteten Förderung von Beratung vor.

In Baden-Württemberg sind seit August 2015 insgesamt 63 Beratungsorganisationen mit über 200 Beratungskräften berechtigt, geförderte Beratungsmodule anzubieten. Sie haben sich in einer europaweiten Ausschreibung zur Vergabe von Dienstleistungskonzessionen durchgesetzt. Im Verfahren, das von April bis September 2015 dauerte, bewarben sich insgesamt über 70 Beratungsorganisationen für die 61 ausgeschriebenen Beratungsmodule.

Angesichts der Vielfalt der Beratungsorganisationen und der Beratungsmodule bewährte sich das Konzessionsvergabeverfahren. Damit war es möglich, für nahezu alle Beratungsmodule mehr als einen Anbieter zu konzessionieren. Die landwirtschaftlichen Familien können somit eine Auswahl aus verschiedenen Beratungsorganisationen treffen. Ein Ziel der Weiterentwicklung wurde damit also auf jeden Fall erreicht, denn nur für wenige der ausgeschriebenen Beratungsmodule wurde keine geeignete Bewerbung abgegeben. Den landwirtschaftlichen Familien steht heute ein Angebot von 56 Beratungsmodulen zur Verfügung. Je nach Situation und Interesse kann damit der Bedarf an Beratung betriebsspezifisch ausgerichtet werden.

Vergabephase

Die Vergabephase wurde in zwei Stufen durchgeführt. In der ersten Stufe war von den Bewerbern vor allem der Nachweis des fachlichen Standards und von Erfahrungen in der Beratungsarbeit gefordert. Darüber hinaus wurden in diesem Schritt Bewerbungen identifiziert, bei denen ein Interessenkonflikt in der Beratung zu erwarten war, beispielsweise bei einer Überschneidung des Neutralitätsbedürfnisses in der Beratung und weitergehenden wirtschaftlichen Interessen des Anbieters.

Alle geeigneten Bewerbungen konnten anschließend in der zweiten Stufe ein detailliertes Beratungskonzept vorlegen und das Honorar je Beratungsstunde anbieten. Der Preis musste in einem angemessenen Verhältnis zur geforderten Leistung und dem angebotenen Konzept liegen, um nicht zum Ausschluss des Angebots zu führen. Im Ergebnis werden daher einzelne Beratungsmodule zu unterschiedlichen Beratungshonoraren angeboten.

Der Zuschlag im Vergabeverfahren erfolgte durch den Abschluss von Rahmenverträgen zwischen dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) und den ausgewählten Beratungsorganisationen mit einer Laufzeit bis zum 31. Dezember 2017. Diese berechtigen zum Angebot der Beratungsmodule und zur Beantragung der entsprechenden Förderung. In der Praxis bedeutet das: Die Beratungsorganisation schließt mit einem landwirtschaftlichen Betrieb einen Beratungsvertrag über ein bestimmtes Beratungsmodul. Die Beratung kann damit sofort beginnen. Die Beratungsorganisation beantragt dann die Förderung beim Regierungspräsidium. Nach Abschluss der Beratung weist die Beratungsorganisation die Durchführung beim Regierungspräsidium nach und beantragt die Zahlung des Zuschusses.

Breite Akzeptanz

Wasser aus einer Gießkanne fließt in die Hände mit einer Pflanze
Beratung ist ein kontinuierlicher Transferprozess, deshalb ist die Entwicklung eines neuen europäischen Förderansatzes sinnvoll.

Seit der Einführung der neuen Förderung im August 2015 sind insgesamt mehr als 9.500 Beratungsverträge zwischen Landwirten oder Gärtnern und einer Beratungsorganisation abgeschlossen worden. Allein aus dieser Zahl kann noch nicht auf die Zahl der beratenen Betriebe rückgeschlossen werden, da die Menge der Beratungsmodule pro Betrieb nicht begrenzt ist. Die Rückmeldungen der Beratungsorganisationen weisen aber darauf hin, dass bereits zum jetzigen Zeitpunkt mehr Betriebe von der Beratungsförderung erreicht werden als früher.

75 Prozent der nachgefragten Module zeichnen sich durch einen umfassenden und betriebsbegleitenden Ansatz aus (Grundmodule). Allen voran stehen dabei die Bereiche Milchviehhaltung, Ackerbau und Schweinehaltung im Fokus der Betriebe. Die restlichen 25 Prozent verteilen sich zu einem Drittel auf Einstiegs- und zwei Dritteln auf Spezialmodule. Die Einstiegsmodule sind als Angebot gedacht für solche Betriebe, die sich neu in einem Bereich oder zu einem Thema beraten lassen, zum Beispiel auch zur Umstellung auf den ökologischen Landbau. Vor allem Milchvieh haltende Betriebe interessieren sich zurzeit für das Öko-Umstellungsmodul. Die Nachfrage nach Spezialmodulen wird dominiert von den gesellschaftlich relevanten Themen Tierwohl und integrierter/biologischer Pflanzenschutz.

Qualitätsstandards

Die in Baden-Württemberg typische Bindung der Beratungsdienste an die Landwirtschaftsverwaltung sorgte in der Vergangenheit für einen ständigen Austausch mit dieser und unterstützte damit die Beratungsqualität. Um auch zukünftig die Beratungsqualität zu sichern, wurden in der Modulberatung Kriterien eingeführt, die für ein hohes Beratungsniveau sorgen sollen. Neben den fachlichen Mindeststandards (Bachelorabschluss oder Meister beziehungsweise Techniker) müssen die Beratungskräfte sich regelmäßig fortbilden. Dabei stehen über die Fachthemen hinaus auch Beratungsmethodik und Rechtskonformität im Mittelpunkt. Letzteres soll gewährleistet werden durch zwingend vorgeschriebene jährliche Schulungen zu Fachrechtsthemen und den Cross-Compliance-Anforderungen.

Den Beratungskräften und -organisationen werden über das Fortbildungskonzept hinaus weiterführende Angebote gemacht, um Qualität und Aktualität in der Beratung zu gewährleisten. Kernelemente dieses Ansatzes sind Veranstaltungen unter anderem zur Vernetzung der Beratungsakteure und die Implementierung von Ansprechpartnern für Beratung in den unteren Landwirtschaftsbehörden. Außerdem unterstützen die landwirtschaftlichen Landesanstalten die Beratung durch Versuche, Expertisen und Fortbildungen. Bereits im dritten Jahr geben sie einen gemeinsamen Fortbildungskatalog für Beratungskräfte heraus, der weiter ausgebaut und auf die Bedürfnisse und Notwendigkeiten in der Beratung angepasst wird.

Modulförderung

In Baden-Württemberg können Landwirte, Gärtner, Weingärtner und Obstbauern seit August 2015 Beratungsmodule buchen. Die Beratungsmodule werden durch die Förderung des Landes um 50 bis 100 Prozent der Nettokosten vergünstigt. Grundlage ist ein Beratungskatalog mit 56 geförderten Beratungsmodulen. Thematisch erstrecken sich die Angebote auf die Felder Betriebswirtschaft, Diversifizierung, Pflanzenbau, Tierhaltung, Ökolandbau, Energie und Umwelt. Der Fördersatz richtet sich einerseits nach dem Beratungsumfang und andererseits nach der gesellschaftlichen Bedeutung des Beratungsthemas. Die maximale Fördersumme pro Beratungsmodul liegt bei 1.100 Euro. Die Förderung wird zur Hälfte von der EU aus dem ELER-Fonds erstattet. Insgesamt stehen in Baden-Württemberg 38,5 Millionen Euro bis zum Jahr 2020 an Fördermitteln zur Verfügung.

Die Förderung wird von den Beratungsorganisationen beantragt, die im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung ausgewählt wurden. Sie haben mit dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz jeweils einen Konzessionsvertrag abgeschlossen, der bis zum 31. Dezember 2017 läuft. Für die Zeit ab dem Jahr 2018 soll im kommenden Jahr eine Neuausschreibung der Beratungsmodule erfolgen.

Beratungskatalog und weitere Informationen zur Beratungsmodulförderung: www.beratung-bw.de

Ziele erreicht?

Folgende Ziele standen zu Beginn der Umstellung der Beratungsförderung im Fokus:

  •  Qualitativ hochwertige, kundenorientierte, flächendeckende Beratung,
  • Kofinanzierung durch den ELER-Fonds,
  • Finanzielle Beteiligung der Betriebe,
  • Einbindung der Landwirtschaftsverwaltung,
  • Sicherung des Wissenstransfers in der Beratung.

Es kann festgestellt werden, dass die genannten Ziele in unterschiedlichem Maß erreicht werden, ohne das heute schon quantifizieren zu können. An einigen Stellen sind aber noch Fragen offen, manche Bereiche und manche Beratungsinhalte müssen angepasst und optimiert werden. Da die Konzessionsverträge mit den Beratungsorganisationen am 31. Dezember 2017 enden, werden im Frühjahr 2017 die Beratungsmodule neu ausgeschrieben. Im Vorfeld besteht die Möglichkeit, die Beratungsmodule bedarfsgerecht anzupassen oder auch neue Module einzuführen. Das soll in Zusammenarbeit mit den Beratungsakteuren geschehen.

Aus den bisher in Baden-Württemberg gemachten Erfahrungen erscheint es elementar, dass die aus dem ELER-Fonds geförderte Beratung entsprechend den Länderbedürfnissen weiterentwickelt wird. Insbesondere die Behandlung der Beratungsförderung analog einer Investitionsförderung bringt für das Verwaltungsverfahren mehr Nach- als Vorteile. Deshalb wäre die Entwicklung eines neuen Förderansatzes für Beratung sinnvoll, denn Beratung ist ein mehr oder weniger kontinuierlicher Transferprozess, dessen Ziel kein fertiges Werk wie zum Beispiel im Stallbau ist. Demgegenüber wird Beratung in der aktuellen ELER-Verordnung als abgeschlossener Vorgang betrachtet, eine Beratung beginnt fördertechnisch also immer wieder neu. Ein Widerspruch, der in der nächsten europäischen Förderperiode aufgelöst werden sollte.

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Autorenfoto Gabriel Baum
Privat

Der Autor

Gabriel Baum

Landesanstalt für Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume (LEL)

Schwäbisch Gmünd