Springe direkt zum Inhalt , zum Menü .

Digitale Tools für die Ausbildungspraxis

Medien des BIBB
Gerald Schilling, BIBB

Wie können digitale Produkte im Ausbildungsalltag eingesetzt werden? Anwenderworkshops zu Methoden, Anleitungen und Hilfen für Schule und Betrieb geben Antworten auf diese Frage.

Die Welt wird immer vernetzter. Smartphones, Tablets und Cloud-Lösungen ermöglichen es, orts- und zeitunabhängig zu arbeiten und zu lernen. Deshalb hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der „Digitalen Agenda für Deutschland 2014-2017“ das Förderprogramm „Digitale Medien in der beruflichen Bildung“ ins Leben gerufen. Das Programm fördert digitale, überregionale berufliche Bildungsprojekte und soll gleichzeitig den Transfer gewonnener Erfahrungen und Ergebnisse auf andere Branchen und Berufe ermöglichen. Somit soll mobiles, selbstbestimmtes Lernen initiiert, Medienkompetenz gefördert und Informationsmanagement weiterentwickelt werden.

Roadshow durch Deutschland

Um die „nackte“ Theorie den Bildungsakteuren nahe zu bringen, hat das BMBF zusammen mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) drei ausgewählte Projekte in einer Roadshow gebündelt und zu vier Terminen an unterschiedlichen Orten in Deutschland präsentiert. Beim vorerst letzten Termin dieser Veranstaltungsreihe, eine Fortführung ist für 2017 geplant, kamen mehr als 50 Verantwortliche aus Betrieben, überbetrieblichen Bildungsstätten, Berufsschulen, Kammern und Bildungseinrichtungen am 2. November 2016 in Saarbrücken zusammen, um sich über das Förderprogramm zu informieren. In Anwenderworkshops wurden zudem das Online-Berichtsheft (Blok), die Mediencommunity 2.0, Social Augmented Learning (SAL) sowie Module der Kompetenzwerkstatt praktisch getestet und gemeinsam mit den Entwicklern kritisch bewertet.

Tools für Betrieb und Unterricht

Das Online-Berichtsheft (BLok) wurde von 2009 bis 2012 als Projekt vom BMBF und dem Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert und ist heute teilweise kostenfrei als Cloud-Lösung zu nutzen. Es ist ein onlinebasierter Ausbildungsnachweis, der lernortunabhängig Auszubildenden und Ausbildern ermöglicht, das Berichtsheft für die Ausbildung zu führen, abzunehmen und den Kammern zur Prüfung vorzulegen. Zudem können Auszubildende und Ausbilder Änderungen vornehmen und im Berichtsheft recherchieren, ohne an ein Papier und somit einen Ort gebunden zu sein. Selbst wenn eine oder mehrere Akteure des dualen Ausbildungssystems nicht an BLok teilnehmen wollen, können die verbleibenden Beteiligten es nutzen. BLok bietet Ausbildern und Auszubildenden durch ein Entwicklungsportfolio eine transparente Lernzielkontrolle. Dadurch wird die Selbstverantwortung beim Auszubildenden gestärkt und ein Reflexionsprozess angeregt. Ausgelegt ist dieses Konzept zunächst für den handwerklichen, produzierenden Sektor, was die Top 10 der angemeldeten 254 Unternehmen belegt. Hier zählen Kaufleute des Einzel-, Groß- und Außenhandels, der Industrie und der Banken ebenso dazu, wie Kfz-, Industrie- und Zerspanungsmechaniker. Eine Anwendung im Bereich der Aus- und Weiterbildung in der Landwirtschaft wird zurzeit noch nicht angeboten, sodass hier noch Transferarbeit geleistet werden muss.

Mediencommunity und mehr

Blick in eine Druckmaschine
Projekt SAL: Augmented Reality erlaubt den Blick ins Innere einer Druckmaschine.

Die Mediencommunity 2.0 dient als Wissensnetzwerk für Auszubildende, Facharbeiter/-innen und Studierende der Druck- und Medienbranche. Sie können sich zum Beispiel in moderierten Lerngruppen auf Prüfungen vorbereiten oder in Interessengruppen miteinander vernetzen und austauschen. Bei allen Arbeiten in der Community stehen den Nutzern Lexika-Artikel, Wikis und themeneigene Angebote zur Verfügung, mit denen sie sich über Fachinhalte informieren können. Gegen einen kleinen Unkostenbeitrag lässt sich zudem ein Lerncenter nutzen, das onlinebasierte Trainings zu Typo, Layout, Projektmanagement und weiteren Inhalten der Mediengestalter-Ausbildung bereit hält.

Social Augmented Learning (SAL) stellt eine Lernform für Auszubildende in technischen Bereichen dar. Neben dem sozial-interaktiven Gedanken der Lernsituation steht der Einsatz von immer leistungsstärkeren Endgeräten (Smartphones, Tablets, etc.) im Vordergrund. Mit deren Hilfe sollen zum Beispiel Prozesse in komplexen und kaum zugänglichen Maschinenteilen visuell erfahrbar werden (Augmented Reality). So sollen Auszubildende eingebettet in den Kontext der Lerngruppe selbstständig Wissen erarbeiten und damit Kompetenzen erwerben. Im Anschluss an das SAL soll nun, so die Entwickler, nicht nur ein Teil des Lerninhaltes digitalisiert, sondern eine komplette virtuelle Lern- und Lehrsituation geschaffen werden. Social Virtual Learning (SVL) soll unabhängig von der Ausstattung am Lernort dazu beitragen, praxis- und arbeitsplatznahe Lernerfahrungen in der beruflichen Aus- und Weiterbildung zu ermöglichen.

Kompetenzwerkstatt

drei Mitarbeiter im Gespräcj
Prof. Falk Howe (Universität Bremen) erklärt Teilnehmenden der Tagung ‚Digitale Medien im Ausbildungsalltag – Innovative Konzepte kennenlernen und anwenden‘ das Tool „Kompetenzcheck“.

Das Konzept der Kompetenzwerkstatt wurde vor über zehn Jahren in der Zusammenarbeit des Instituts Technik und Bildung der Universität Bremen mit dem Institut für Technik, Arbeitsprozesse und Berufliche Bildung der Technischen Universität Hamburg-Harburg entwickelt. Prof. Dr. Falk Howe in Bremen und Prof. Dr. Sönke Knutzen in Hamburg-Harburg, die beiden Verantwortlichen für das Konzept, beschäftigen sich seitdem mit der Erprobung und Weiterentwicklung der Kompetenzwerkstatt. In Forschungsprojekten von BMBF, BIBB und dem ESF wurden im Dialog mit den Zielgruppen Verbesserungen implementiert und der Transfer in andere Berufe realisiert. Durch diese Arbeit und den modularen Aufbau lässt sich das Konzept für sehr viele Bereiche der Aus- und Weiterbildung verwenden. Vor allem Ausbilder, Lehrkräfte, Referendare und Lehramtsstudierende, aber auch Personalverantwortliche in Betrieben und Wissenschaftler der Pädagogik oder Didaktik nutzen die unterschiedlichen Bausteine. Die Handbücher der Kompetenzwerkstatt bieten den Zielgruppen Methoden, Anleitungen, Hilfen und Anregungen gebündelt an.

Werkzeugkästen

Im ersten sogenannten Werkzeugkasten steht der Weg vom Rahmenlehrplan zur arbeitsprozessorientierten, softwaregestützten Berufsbildung im Mittelpunkt. Ist diese erfolgreich umgesetzt, kann mit dem 2. Lernbaustein der Arbeitsprozess analysiert und aufbereitet werden, sodass im 3. Schritt Handlungsfelder beschrieben werden können. Dabei stehen charakteristische Aufgaben, erforderliche Kompetenzen und inhaltliche Spezifikationen im Vordergrund. Mit dem 4. Baustein können nun an Hand der gewonnenen Erkenntnisse aus den ersten drei Bausteinen Arbeits- und Lernaufgaben entwickelt werden. Hierzu dienen Strukturschemata, Fragenkataloge und Kriterienlisten als Grundlage. In den Handbüchern 5 bis 7 stehen nun die Umsetzung und Anwendung im Unterricht an. Welche Lehrmethoden wende ich an, nutze ich eine eigene Lernsoftware und wie binde ich zum Beispiel das Internet in Ausbildung und Unterricht ein? Hier bietet das Konzept der Kompetenzwerkstatt viele interessante Ansätze. Nachdem nun der Lehrende oder Ausbildende die Lernsituation geschaffen hat, befindet sich der Lernende oder Auszubildende in dieser. Er muss den Ausbildungs- oder Lernverlauf selbstständig reflektieren und zum Beispiel für den Ausbildenden veranschaulichen. Der 8. Baustein des Konzepts bietet hierfür ein Ausbildungsportfolio an, indem ein softwaregestütztes Berichtsheft als Vorlage dient. Das 9. Tool dient der Kompetenzfeststellung und wurde in einem Anwenderworkshop der Roadshow vorgestellt. Das 10. und letzte Handbuch befasst sich mit der strukturierten Beschreibung vieler Berufe. Damit sollen alle Informationen, Arbeitsblätter und Anleitungen aus der Kompetenzwerkstatt berufsspezifisch interpretiert und angepasst werden können.

Toolbeispiel Kompetenzcheck

Der Kompetenzcheck dient der Feststellung und Reflexion von Kompetenzen. In Bezug auf einen Referenzarbeitsprozess schätzen sich Auszubildende selbst ein und werden durch Ausbilder, Lehrer und gegebenenfalls Kollegen/Mitschüler fremdeingeschätzt. Dieser 9. Abschnitt der Kompetenzwerkstatt wurde in praktischen Übungen im Rahmen des Anwenderworkshops demonstriert und in Kleingruppen erprobt.

Nach der Regestrierung im kostenlosen Online-Tool legt der Ausbilder einen Check an, in dem er detailliert den Arbeitsprozess beschreibt, um dessen Kompetenznotwendigkeiten es geht. Hier wurde beispielhaft die Abdrehprobe einer Drillmaschine genannt. Ist der Check angelegt, weist der Ausbilder diesen einem Auszubildenden zu, er schickt ihm einen Link mit dem online hinterlegten Check. Alternativ kann der Auszubildende den Check auch selbst anlegen. Dies bedeutet allerdings für den Ausbilder oder den Lehrenden, dass es nicht unbedingt zu vergleichbaren Ergebnissen kommt. Nach der ersten Selbsteinschätzung durch den Auszubildenden lädt dieser einen Ausbilder, Lehrer, Mitschüler oder Kollegen ein, der ihn wiederrum fremdeinschätzt. Es erfolgt nun, nach den beiden ersten Einschätzungen und einer gegebenenfalls zweiten Selbsteinschätzung die Auswertung des Kompetenzchecks. Das Online-Tool bietet dazu detailliierte Ergebnisse und Grafiken an, die zum Beispiel eine Entwicklung der Kompetenzen veranschaulichen. Dies kann anschließend dazu dienen, Stärken des Auszubildenden zu untermauern, Entwicklungsbedarf festzustellen und zukünftige Ausbildungsschwerpunkte festzulegen. Der Auszubildende wird durch diese Reflexionsgespräche zu selbstorganisiertem Lernen angeleitet.

Einhellig waren die Teilnehmenden zum Ende des Workshops der Meinung, dass das Konzept der Kompetenzwerkstatt und der Kompetenzcheck im Detail sowohl für die Lernenden und Auszubildenden als auch für Lehrende und Ausbildungskräfte hilfreiche digitale Werkzeuge darstellen. Davon kann auch die agrarische Berufsbildung profitieren.

Autor: Christian Habers, aid |

als hilfreich bewerten 0 Versenden
Christian Habers
aid

Autor

Christian Habers

aid infodienst e.V. i.L., Bonn

B&B Agrar Heft 2016-2

In unserem Medienshop

Zeitschrift B&B Agrar Heft 2016-2

Schwerpunktthema: Digitale Bildung in der Praxis, Bildung: Informationskompetenz, Beratung: CECRA in Europa, Porträt: Fachschule für Wein- und Obstbau Weinsberg, Schul-Projekt: Einblicke in andere Kulturen, Q,D,K: Wie Geschichten bei Vorträgen helfen mehr...