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Ferkelkastration

Um unerwünschten Fleischgeruch zu vermeiden, werden männliche Schweine kastriert - noch überwiegend betäubungslos. Aus Tieschutzsicht ein nicht tragbarer Zustand. Was sind die Alternativen?

Ferkel im Stall
countrypixel / Fotolia.com

Nach dem deutschen Tierschutzgesetz ist noch bis zum 31.12.2018 die Kastration männlicher Ferkel bis zum siebten Lebenstag ohne Betäubung erlaubt. Der Eingriff wird durchgeführt um urinen oder fäkalen Geruch im Fleisch männlicher Tiere zu vermeiden.

Ebergeruch - Unterschiede in der Wahrnehmung

Dieser sogenannte Ebergeruch entsteht durch verschiedene körpereigene Substanzen der Schweine. Dies sind im Wesentlichen die Pheromone Androstenon und Skatol. Androstenon wird mit zunehmender Geschlechtsreife im Hoden von Tieren ab ca. 80 kg gebildet, Skatol entsteht im Dickdarm beim Abbau der Aminosäure Tryptophan. Skatol alleine verursacht in der Regel noch keinen Ebergeruch.

Diese Geruchsstoffe reichern sich über das Blut im Fettgewebe von geschlechtsreifen Ebern an. Der Geschmack tritt vor allem beim Erhitzen des Fleisches auf. Etwa 15 bis 30 Prozent der hiesigen Bevölkerung können Androstenon nicht wahrnehmen, somit schmecken diese Personen keinen Ebergeruch, Skatol hingegen wird von jedem Menschen wahrgenommen. Auch gibt es international gesehen erhebliche Unterschiede in der Wahrnehmung und der Akzeptanz von Ebergeruch, so wird in England oder Portugal Eberfleisch wesentlich besser akzeptiert als in Frankreich, Schweden oder Deutschland.

Rund 100 Mio. Ferkelkastrationen pro Jahr in der EU 25

In den 25 EU-Mitgliedstaaten werden jährlich etwa 100 Mio. männliche Ferkel (> 80 % aller männlichen Ferkel) kastriert. Ausnahmen sind von jeher Großbritannien und Irland mit einer relativ geringen Sauenzahl (ca. 480.000 Tiere), diese Länder werden jedoch überwiegend mit Schweinfleisch aus Ländern mit chirurgischer Kastration versorgt (z. B. Dänemark). In Portugal werden etwa 11 Prozent, in Spanien 33 Prozent sowie in Griechenland 75 Prozent der Ferkel kastriert, in den dortigen größeren Schweinezuchtbetrieben wird auch aufgrund der Tourismusversorgung und dem Export von Schweinefleisch kastriert.

Betäubungslose Kastration steht in der Kritik

Aus Tierschutzgründen wurde die Ferkelkastration in Deutschland zunehmend kritisch beurteilt, was sich schließlich in der Änderung des Tierschutzgesetzes mit dem Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration zum 1.1.2019 niederschlug. Ausgehend von den Niederlanden gab es aber auch in Deutschland schon seit dem Jahr 2008 einen starken Druck des Handels sowie der Tierschutzverbände, und somit von der Gesellschaft, auf die chirurgische Kastration ohne Schmerzausschaltung oder Betäubung zu verzichten. Es wird derzeit intensiv nach Verfahren zum gänzlichen Verzicht auf die Kastration, zu Betäubungsmethoden, welche im Optimalfall vom Landwirt durchführbar sind, sowie auch zu schmerzfreien Ersatzmethoden gesucht.

Breite Initiative fordert Einsatz von Schmerzmitteln

Im September 2008 wurde eine freiwilligen Selbstverpflichtung des Deutschen Bauernverbands (DBV), des Verbands der Fleischwirtschaft (VDF) sowie des Hauptverbands des deutschen Einzelhandels (HDE), die sogenannte „Düsseldorfer Erklärung“, unterschrieben. Seither wird bei allen männlichen Ferkeln im QS-System, die Kastration nur noch mit der routinemäßigen Anwendung eines Schmerzmittels (Metacam 5mg®, einziges hierfür zugelassenes Mittel) durchgeführt. Vorgaben zum Vorgehen bei der Kastration sowie die Kontrolle hierzu auf den Betrieben werden durch das QS-System organisiert. Die Schmerzbehandlung ist somit der Mittelweg bis zum gänzlichen Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration. Parallel gibt es hierzu eine intensive gemeinsame Entwicklungsarbeit an Alternativmethoden, welche von den Unterzeichnern auch gemeinsam finanziert wird.

Ferkel saugen

In den Niederlanden werden die Ferkel derzeit mit einem CO2/O2-Gemisch vor dem Kastrationsvorgang mit einem Inhalation-Narkosegerät betäubt, ebenfalls auf Basis einer freiwilligen Selbstverpflichtung. In der Schweiz wurde die chirurgische Kastration ohne Betäubung bereits ab dem 1. Januar 2009 gesetzlich verboten. In Norwegen dürfen Ferkel seit 2003 nur noch mit Betäubung kastriert werden.

Auf der Suche nach Alternativen zur Kastration

In allen diesen Ländern gab und gibt es bis jetzt nach wie vor keine optimale alternative Lösung für die bisherige Methode. Es muss berücksichtigt werden, dass mit Ausnahme der Niederlande, die Anzahl der zu behandelnden Ferkel in diesen Ländern im Vergleich zu Deutschland sehr gering ist. (z. B. Norwegen ca. 700.000 Ferkel, Deutschland ca. 18 Mio. zu kastrierende Ferkel pro Jahr). Im Rahmen eines länderübergreifenden EU-finanzierten Projekts (PIGCAS), wurde die aktuelle Kastrationspraxis in den verschiedenen EU-Mitgliedsländern erhoben, die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den verschiedenen Kastrationsmethoden gesammelt, die Meinungen der beteiligten Interessengruppen in den Mitgliedstaaten eingeholt sowie die ökonomischen Auswirkungen kalkuliert und eine Gesamtbewertung der Verfahren vorgenommen. Das Projekt inklusive Bericht wurde 2009 fertiggestellt.

Schmerzbehandlung ist nur ein Zwischenschritt

Als Fazit ist festzustellen, dass die chirurgische Kastration mit Schmerzbehandlung nur als Zwischenschritt bis zum gänzlichen Verzicht auf die chirurgische Kastration gesehen wird. Dies wurde auch in dem PIGCAS Folgeprojekt der EU, dem ALCASDE deutlich, Schwerpunkt der Arbeit hier war die international einheitliche Detektion und Definition von Ebergeruch, dessen züchterische Bearbeitung wie auch das Logistikmanagement für die Verarbeitung von geruchsbelastetem Fleisch. Generell ist jedoch abzusehen, dass es zukünftig verschiedene Alternativmethoden geben, je nach Anforderungsprofil der Betriebe wie des Marktes, allen gemein ist die Verhinderung von Schmerzen. Der PIGCAS-Abschlussbericht weist darauf hin, dass der Markt letztendlich entscheidet, welches oder welche Verfahren sich durchsetzen werden, der Gesetzgeber hat hier vielmehr die Aufgabe für alle Länder die gleichen Spielregeln sowie die Methodentauglichkeit sicherzustellen.

Autor: Dr. Wilhelm Pflanz, Boxberg |

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Titel des FibL-Merkblatts zur Ebermast
FiBL

Webtipp

Merkblatt: Ebermast im Biobetrieb

Das Merkblatt (PDF) des Forschungsinstituts für biologische Landwirtschaft (FiBL) vermittelt den aktuellen Wissensstand zur Ebermast und zur Verwendung von Eberfleisch und beleuchtet die kritischen Aspekte.

Merkblatt Ebermast bei fibl.org herunterladen [PDF]