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Heterogenität als Herausforderung für die Lehrerbildung

Vier Frauen im Workshop
Woodapple / Fotolia.com

Das Thema Lehrerfortbildung ist so aktuell wie nie, denn Lehrkräfte sehen sich mit wachsenden Anforderungen konfrontiert. Das bedeutet, Lernprozesse müssen stärker individualisiert werden.

Der Umgang mit wachsender Heterogenität ist eine der größten Herausforderungen für das deutsche Schulsystem. Derzeit gelingt es nicht, der Heterogenität in der Schule wirklich gerecht zu werden. Bildungserfolg in der Bundesrepublik hängt immer noch zu stark von der Herkunft und dem sozialen Status der Eltern ab. Wie können Lehrkräfte mit den unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen, Interessen und Potenzialen der Schülerinnen und Schüler konstruktiv umgehen? Wie kann es gelingen, allen Kindern und Jugendlichen in ihrer Vielfalt gerecht zu werden?

Unterricht weiterentwickeln

Der Schlüssel dazu liegt in einem Unterricht, der individuell fördert, der also jedes Kind und jeden Jugendlichen entsprechend des individuellen Lernund Entwicklungsstandes unterstützt. Dabei sind die einzelne Lehrkraft und das gesamte Kollegium gleichermaßen gefordert. Denn die Stellschrauben zur Weiterentwicklung von Unterricht sind zahlreich:

  • Lehrkräfte können nur gemeinsam, in Teams, Sichtbares bewegen. Kollegen müssen so zusammenarbeiten, dass sie ein gemeinsames Verständnis von Unterricht entwickeln, sich über die Lernentwicklung ihrer Schüler in unterschiedlichen Fächern austauschen, sich überlegen, an welchen Stellen sie ihren Unterricht noch weiterentwickeln sollten und wie sie dies realisieren können.
  • Feedback spielt eine wichtige Rolle: von Lehrkraft zu Lehrkraft beispielsweise über kollegiale Unterrichtshospitationen, aber auch zwischen Schülern und Lehrkraft. So können sie über gegenseitiges Feedback abgleichen, welche nächsten Lernschritte aus der Abgleichung der Wahrnehmung folgen. Auch das Schüler-Schüler-Feedback kann für die Weiterentwicklung von Unterricht genutzt werden.
  • Um Schüler im Unterricht adäquat zu fördern, benötigen Lehrkräfte ein besseres Verständnis davon, wie sie noch genauer diagnostizieren können und was eine professionelle pädagogische Diagnostik ausmacht. Hier spielt die reflektierte Hypothesenbildung und -überprüfung eine wichtige Rolle, der Abgleich von Wahrnehmungen mit Kollegen und der Einbezug der Schülerperspektive.
  • Lehrkräfte müssen selbstgesteuertes Lernen fördern. Das bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben oder nur noch in eine Beraterrolle zu gehen, sondern den Lernprozess der Schüler im jeweiligen Fach im Blick zu behalten und für den Aufbau von Selbststeuerungskompetenzen und Lernstrategien zu sorgen. Die Grundelemente dieses didaktischen Kernbereichs sind die fachliche Klarheit und Strukturiertheit und führen über eine effektive Klassenführung hin zu konkreten Prinzipien wie dem Kooperativen Lernen und Lerncoaching.

Lebenslang Lernende

Schüler auf einer Treppe
Wachsende Heterogenität in der Schülerschaft ist eine der größten Herausforderungen für Lehrkräfte.

Wie und wann können Lehrkräfte ihre Kompetenzen dazu erweitern? Ist dieser Prozess irgendwann abgeschlossen? Hierzulande werden drei Phasen der Lehrerbildung beziehungsweise Lehrerprofessionalisierung unterschieden: In der ersten Phase, dem Hochschulstudium, geht es eher um theoretische Grundlagen in den Fachwissenschaften und -didaktiken sowie der Erziehungswissenschaft. Der Umgang mit Schülerheterogenität kann hier nur theoretisch umrissen werden. Der Praxisbezug in der zweiten Phase (dem Vorbereitungsdienst oder Referendariat) ist deutlich höher; der Einstieg in die dritte Phase (berufsbegleitende Fortbildungen), die mit einem sehr viel größeren Lehrdeputat einhergeht,stellt aber einen besonderen Anspruch dar.

Auch mit Blick auf spezifische schulische Schwerpunkte, Neuentwicklungen oder eine zunehmende schulische Autonomie ergeben sich Herausforderungen für junge wie erfahrenere Lehrkräfte. Schulen müssen heute viel stärker ihre eigenen Entwicklungsschwerpunkte festlegen und die dafür notwendigen Unterrichtskonzepte selbst erarbeiten. Das Ganze muss darüber hinaus angepasst werden an das schulische Umfeld und das Klientel. Wie gut die Vorbereitung in der ersten und zweiten Phase auch sein mag, wer heute in Schule tätig ist, braucht sowohl die Fähigkeit, sich auf neue Herausforderungen einzustellen, wie auch die Bereitschaft, Entwicklungsbedarfe mit zu bearbeiten. Das alles ohne Unterstützung anzugehen, ist nicht nur enorm anspruchsvoll, sondern auch wenig sinnvoll. Mit den Fort- und Weiterbildungen im aktiven Berufsleben folgt deshalb eine dritte Professionalisierungsphase.

Fortbildungsmaßnahmen

Lehrerfortbildungen sind in allen Bundesländern verpflichtend. Allerdings unterscheiden sich die Vorgaben dafür von Land zu Land. So ist unterschiedlich geregelt, ob Fortbildungen in der unterrichtsfreien Zeit stattfinden können beziehungsweise müssen oder ob eine Teilnahme nachzuweisen ist. Auch die Zahl der zu besuchenden Fortbildungsmaßnahmen variiert je nach Bundesland stark.

Lehrkräfte in Hamburg müssen pro Jahr zum Beispiel 30 Stunden Fortbildung nachweisen. Es reicht aber, wenn die Fortbildungen in einem selbstständig geführten Fortbildungsportfolio dokumentiert werden. Dieses Portfolio ist nicht nur Beleg für die erworbenen Kompetenzen, es dient auch als Grundlage für die schuleigene Personalentwicklung und Fortbildungsplanung. In Bayern ist die Fortbildungspflicht erfüllt, wenn innerhalb von vier Jahren zwölf Fortbildungstage nachgewiesen werden. Ein Drittel dieser Tage soll als schulinterne Lehrerfortbildung absolviert werden.

In vielen Ländern lässt sich ein Trend hin zur schulinternen Lehrerfortbildung (SchiLf) beobachten. Damit soll unter anderem die Kompetenzentwicklung von Kollegien und Teams hin zu professionellen Lerngemeinschaften gestärkt werden. Mehrtägige Fortbildungen mit integrierten Praxisund Reflexionsphasen sind wirksamer als eintägige Fortbildungsmaßnahmen, doch nicht überall bilden sie den Schwerpunkt der Maßnahmen eines Landes. Vielerorts gibt es zahlreiche Ein-Tages-Fortbildungen: Dabei ist empirisch belegt, dass dieses Format kaum das Potenzial hat, unterrichtliches Handeln von Lehrern zu verändern.
Im Rahmen ihrer erweiterten Selbstständigkeit bestimmen die Schulen die Themen der Fortbildungsangebote häufig selbst. Dies geschieht auf Grundlage interner Fortbildungsplanungen, die wiederum das Resultat von Schulentwicklungsprozessen beziehungsweise interner oder externer Evaluation sein können. Die Fortbildungsinhalte sind in der Regel ein Abbild der gesellschaftlichen und pädagogischen Herausforderungen: Inklusion, Ganztagsschule, Differenzierung und Individualisierung des Lernens, kooperatives und selbstverantwortliches Lernen, Kompetenzorientierung stehen derzeit im Mittelpunkt der Lehrerfortbildungen.

Trends zur Wirksamkeit

Wie wirksam und nachhaltig sind Fortbildungen mit Blick auf die Verbesserung der Lernsettings und der Lernergebnisse für Schülerinnen und Schüler? Lehrerfortbildungen sind dann besonders wirksam, wenn sich an Vortrags- und Erprobungsphasen noch eine Reflexionsphase anschließt. Sie ermöglicht, das Erlernte mit der persönlichen Erfahrung in der Praxis abzugleichen. Wenn Wirkungen sich nicht nur auf Ebene einer einzelnen Lehrkraft, sondern auf Ebene der Schule entfalten sollen, sollte mindestens ein Team von Kollegen an einer Qualifizierung teilnehmen. Selbst dann stellt der Transfer in das Kollegium noch eine Hürde dar, die ohne Konzept und systematische Vorbereitung häufig nicht genommen wird.

Lehrer vor einer Tafel im Gespräch
Ohne Zusammenarbeit und Feedback ist keine Weiterentwicklung von Schule möglich.

Generell gilt schließlich: Fortbildungsmaßnahmen ohne direkten Bezug zur Unterrichtspraxis führen zu keinen wirklichen Veränderungen im Lehrerverhalten. Wissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als „Transferlücke“: Trotz Wissenszuwachs ist nach der Fortbildung kein Transfererfolg in die Praxis zu beobachten. Lehrkräfte sind nicht in der Lage, das erworbene Wissen und die erlernten Praktiken auch umzusetzen. Die meisten Fortbildungen nach klassischem Muster führen zu keiner signifikanten Verbesserung der Schülerleistung.

Aus dem gegenwärtigen Forschungsstand lassen sich allerdings einige Trends zur Wirksamkeit von Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen ableiten. Werden diese Trends berücksichtigt, haben Fortbildungen das Potenzial, Lehrerwissen und Lehrerüberzeugungen zu verändern und auch zu einem veränderten Lehrerverhalten im Unterricht beizutragen, das sich bis auf die Schüler auswirkt. Schulen sollten:

  • Fortbildungsbedarf definieren und mit dem Schulprogramm abgleichen: Ohne den Rückhalt des Kollegiums geht es nicht. Deshalb sollte die Lehrerkonferenz, mit Absicherung durch die Schulkonferenz, ihre Fortbildungsbedarfe selbst bestimmen.
  • Umfang und Dauer der Fortbildungen planen: Eine Fortbildung sollte längerfristig angelegt sein – mit mehreren Terminen, zwischen denen eine Erprobung des Gelernten im Unterricht vorgesehen ist.
  • Fortbildung sinnvoll strukturieren: Jede Fortbildung sollte aus mehreren Phasen bestehen, die sinnvoll miteinander verzahnt sind – Input, exemplarische Erprobung in der Fortbildung, Anwendung in der eigenen Unterrichtspraxis, Reflexion.
  • Die richtige Organisationsform finden: Wenn eine Fortbildung Auswirkungen für die Schule als Ganzes zeigen soll, ist es sinnvoll, auch das gesamte Kollegium zu beteiligen. Können stellvertretend nur Einzelpersonen teilnehmen, gilt: Ohne ein zuvor mit Steuergruppe und Lehrerkonferenz abgestimmtes Transferkonzept ist die Implementierung von Inhalten im Gesamtkollegium schwierig.
  • Praxisbezug sicherstellen: Fachwissenschaftliche Theorien sollten mit praxisbezogener Fachdidaktik und praktischen Unterrichtsbeispielen kombiniert werden. So fällt Lehrkräften die Umsetzung im Fachunterricht leichter und es entstehen positive Lerneffekte für die Schüler.
  • Fachlicher Fokus: Konkret ist besser als abstrakt. Ein konkretes fachliches Problem hilft Lehrkräften deutlich besser, sich mit Ideen, Gedanken und (Fehl-)Konzepten von Schülern beschäftigen zu können als ein abstrakter oder zu weit gefasster Gegenstand.
  • Professionelle Lerngemeinschaften und Feedback: Ohne Zusammenarbeit und Feedback ist keine Weiterentwicklung von Schule möglich. Eine Grundlage für die Weiterentwicklung des Unterrichts können beispielsweise kollegiale Hospitationen sein.
  • Zentrale Rolle der Schulleitung: Für den erfolgreichen Transfer von Fortbildungsmaßnahmen braucht es die Unterstützung der Schulleitung. 

Nur Fortbildungen, die die genannten Kriterien erfüllen, haben auch wirklich das Potenzial, Unterricht, Lehrerverhalten und letztlich den Lernerfolg von Schülern zu verbessern.

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Christian Ebel
High Res

Die Autoren

Christian Ebel

Bertelsmann Stiftung

Project Manager, Programm Integration und Bildung

Gütersloh

Angela Müncher
High Res

Angela Müncher

Bertelsmann Stiftung

Project Manager, Programm Integration und Bildung

Gütersloh