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Insekten

Käfer, Raupen, Heuschrecken, Termiten: Diese bisweilen fremd anmutende Kost hat einiges zu bietend – ernährungsphysiologisch und auch sensorisch.

Frittierte Heuschrecken in einer Schale
bajita111122/ Fotolia.com

Was der Bauer nicht kennt, das (fr)isst er nicht. Dieses altbekannte Sprichwort beschreibt treffend das mehr von Skepsis als von Neugierde geprägte Essverhalten unserer Ahnen und Urahnen. Dieser evolutionär und genetisch bedingte Schutzmechanismus scheint heutzutage überholt zu sein. Und so haben für manch einen auch Krokodil-Steak und Sushi längst an Exotik und damit an Reiz verloren. Ihnen mag ein Angebot gerade recht kommen, das seit einiger Zeit aus süd-östlichen Gefilden auf den europäischen Markt drängt: Käfer, Raupen, Heuschrecken, Termiten – kurz: Insekten in allen erdenklichen Zubereitungsformen, selten roh, meist gegrillt oder geröstet oder schlicht getrocknet.

Abenteuer Essen

Essbare Insekten sind hierzulande insbesondere über das Internet erhältlich. Im klassischen Supermarkt wird man dagegen nicht fündig, sehr wohl aber in der Gastronomie. Dort wächst das Angebot und wird immer vielfältiger – angefangen von der „gegrillten Heuschrecke“ zum Probierpreis für 1,50 Euro das Stück, über den „Gemischten Insekten-Teller“ bis hin zu „Käferlarven auf Nachos mit Guacamole“. Den Angebotsvarianten sind praktisch keine Grenzen gesetzt. Kein Wunder. Denn die die bisweilen fremd anmutende Kost hat einiges zu bieten – ernährungsphysiologisch und auch sensorisch: So gilt sie einerseits wegen ihres hohen Eiweißgehalts als mögliche Fisch- oder Fleischalternative, andererseits erinnern frittierte oder gegrillte Insekten an Chips, Kräcker oder – wohl auch geschmacklich – an Nüsse.

Insekten als Grundnahrungsmittel

Zumal es für weltweit rund zwei Milliarden Menschen vollkommen normal ist, Insekten zu essen. In vielen Ländern Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und Australiens zählen essbare Insekten zu den Grundnahrungsmitteln und sind nicht etwa eine leidige Notlösung mangels alternativer Nahrungsquellen. Dabei sind die geschmacklichen Vorlieben je nach Land und Region sehr unterschiedlich: Während in Afrika bevorzugt Raupen auf dem Teller landen – im Kongo etwa verzehrt jede Familie im Schnitt 300 Gramm wöchentlich – gelten in Südostasien der Sagowurm und die Eier der Weberameise als Delikatessen. Insgesamt sind weltweit mehr als 1900 essbare Insektenspezies bekannt.

Zukunftsszenarien

Die Idee, den Insektenverzehr auch in westlichen Industrienationen aus der Exotennische zu holen, rückt seit einiger Zeit zunehmend in den Fokus der Forschung und Politik. Dabei geht es insbesondere um die globale Nahrungssicherung – unter dem Aspekt der Bedarfsdeckung einerseits und der erforderlichen Ressourcenschonung andererseits. Dass dabei allerdings noch einige Hürden zu nehmen sind, zeigt eine Verbraucherbefragung, die von Oktober 2013 bis März 2014 im Rahmen des EU-Forschungsprojekts PROteINSECT durchgeführt wurde: Untersucht wurde, ob sich Fliegenlarven als Proteinquelle für Tierfutter eignen. Ein guter Ansatz, meinen 66 Prozent der rund 1.300 Befragten – zumindest theoretisch. Denn mehr als die Hälfte (52,4 Prozent) lehnt Geflügel- oder Schweinfleisch ab, zu dessen Gewinnung Insekten verfüttert wurden. Überwiegend wurde diese Haltung mit einem Mangel an Informationen begründet.

Weitere Informationen zu Insekten

Wie ist die Nährstoffzusammensetzung essbarer Insekten?

Viele essbare Insektenspezies sind reich an hochwertigem Protein, gefolgt von Fett, Ballaststoffen und Kohlenhydraten. Ihre durchschnittlichen Proteingehalte liegen zwischen 35 und 61 Prozent, bezogen auf die Trockenmasse. Einige Vertreter der Grashüpfer, Heuschrecken und Grillen können sogar bis zu 77 Prozent Protein enthalten.

Der Fettgehalt essbarer Insekten liegt im Durchschnitt zwischen 13 und 33 Prozent bezogen auf die Trockenmasse. Ihr Energiewert, bezogen auf die Frischmasse, gilt dem von Fleisch vergleichbar. Mit ihren teils hohen Gehalten an ungesättigten Fettsäuren können essbare Insekten auch mit einigen Fischarten konkurrieren.

Je nach Spezies, Alter und Ernährung enthalten sie außerdem Mikronährstoffe wie Kupfer, Eisen, Magnesium, Mangan, Phosphor, Selen und Zink sowie die Vitamine Riboflavin, Pantothensäure und Biotin. Einige Käfer-, Heuschrecken- und Grillenarten sind zudem reich an Folsäure.

Was sieht die amtliche Lebensmittelüberwachung Insekten im Lebensmittelangebot?

Ob essbare Insekten hierzulande überhaupt als Lebensmittel angeboten werden dürfen, ist juristisch betrachtet nicht ganz eindeutig – wenngleich die Marktsituation auch anderes vermutet lässt. Mitunter wird die Auffassung vertreten, dass es sich bei essbaren Insekten um so genanntes Novel Food handelt. In diese Kategorie fallen Lebensmittel, deren Verzehr innerhalb der Europäischen Union vor dem 15. Mai 1997 nicht üblich war und die daher ein Zulassungsverfahren durchlaufen müssen. Eine solche Zulassung von Insekten als Ganzes gibt es jedoch bislang nicht.

Einzig im Bereich der Zusatzstoffe gibt es bis dato Zulassungen, die im weiteren Sinne eine Verwendung von Insekten zur Lebensmittelerzeugung betreffen: So wird der Farbstoff „Echtes Karmin“ (E 120) mittels Extraktion aus den befruchteten, getrockneten Weibchen der Scharlach-Schildlaus (Coccus cacti) gewonnen. Das Überzugmittel Schellack (E 904) sind die harzartigen Ausscheidungen weiblicher Gummilackschildläuse (Kerria lacca).

Dennoch scheint das Angebot essbarer Insekten hierzulande mit keinerlei rechtlichen Konsequenzen verbunden zu sein. Die amtliche Lebensmittelüberwachung in Deutschland wie auch in anderen EU-Staaten toleriert das kulinarische Angebot der besonderen Art – vorausgesetzt die Betriebshygiene stimmt, so dass die Lebensmittelsicherheit gewährleistet und damit die Gesundheit des Verbrauchers angemessen geschützt ist.

Insekten als Futtermittel: Strenger geregelt als Lebensmittel?

Es mag paradox erscheinen, doch tatsächlich ist die Rechtslage im Futtermittelbereich eindeutiger als bei den Lebensmitteln: Tiermehle, das heißt auch Insektenmehle, dürfen EU-weit nicht zur Fütterung von Nutztieren verwendet werden.

Ausgenommen von diesem Tiermehl-Verfütterungsverbot sind bislang lediglich Fischmehle und Mehle aus bestimmten wirbellosen Meerestieren, beispielsweise Tintenfisch oder Krill. Sie dürfen an Fische verfüttert werden, nicht jedoch an Wiederkäuer.

Allerdings prüft die EU-Kommission derzeit, ob ausgewählte Insektenmehle für die Tierfütterung erlaubt werden sollten. Notwendige Daten in Bezug auf die Sicherheit etwaiger Ausnahmen könnte das im Frühjahr 2014 abgeschlossenen EU-Forschungsprojekt PROteINSECT liefern, in dem untersucht wurde, ob sich Fliegenlarven als Proteinquelle für Tierfutter nutzen lassen.

Umwelt und Klima: Liefern Insekten das „umweltfreundlichere Fleisch"?

Essbare Insekten sind reich an hochwertigem Protein, könnten also rein ernährungsphysiologisch betrachtet durchaus als Fleischalternative herhalten. Das mag für „echte Fleisch-Fans“ keine Argument sein, vergleicht man allerdings die Umweltbilanz bei der Erzeugung der beiden Eiweißlieferanten, sind die Insekten die klaren Gewinner: Da sie Kaltblüter sind und keine Energie zur Körpererwärmung aufbringen müssen, haben sie eine weitaus höhere Futterverwertungseffizienz als klassische Nutztiere.

So benötigen Insekten für eine Gewichtszunahme von einem Kilogramm durchschnittlich zwei Kilogramm Futter, während Hühner hierzu im Schnitt 2,5 Kilogramm, Schweine rund 5 Kilogramm und Rinder sogar 8 bis 10 Kilogramm benötigen. Wird die Futtermenge noch in Relation zu den essbaren Anteilen des Tieres gesetzt, schneiden Insekten noch besser ab. Mit dem geringeren Futtermittelbedarf sinkt auch der Wasserverbrauch.

Ganz abgesehen davon: Insekten sind genügsam. Sie brauchen kein hochspezialisiertes Leistungsfutter, sondern können praktisch jegliche Form von Bio-Abfall in qualitativ hochwertiges Protein umwandeln. Und auch in Bezug auf den Ausstoß von Treibhausgasen können Insekten punkten: Verglichen mit der Schweinehaltung produzieren Mehlwürmer pro Kilogramm Körpermasse 10 bis 100 Mal weniger klimaschädliche Gase.

Autorin: Dr. Christina Rempe, Berlin |

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