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Landwirtschaftliches Wissenssystem in Deutschland

Puzzlestücke vor zwei Köpfen
iStock.com / mstay

Das Landwirtschaftliche Wissenssystem ist geprägt durch hohe Differenziertheit, Komplexität und Dynamik. Wie sind die Teilsysteme miteinander verknüpft und was sind die Herausforderungen?

Aus der Perspektive eines langjährigen Betriebsleiters in der Landwirtschaft ist Erfahrung sicherlich eine der wichtigsten Wissensressourcen. Wo aber kommt das Fachwissen für die tägliche Praxis her? Wie füllen sich Wissenslücken, wenn die Erfahrung noch nicht oder nicht mehr ausreicht ? Als Antwort auf diese Fragen lassen sich vier Bereiche ermitteln (s. Abbildung):

  • Aus-, Fort- und Weiterbildung,
  • Beratung und kollegialer Austausch,
  • Praxisforschung, angewandte Forschung und Grundlagenforschung,
  • Informationsmedien und -veranstaltungen.

Wie individuell und zugleich doch gruppenspezifisch Wissensbedarfe sind, wird deutlich, wenn die Wissensbedarfe von Auszubildenden, Neueinsteigern, Umstellungsbetrieben oder von anderen Betrieben, die eine grundlegende Veränderung planen, betrachtet werden.

Im beruflichen Alltag werden Informationen oftmals zunächst durch Gespräche mit Familienangehörigen, Mitarbeitern, Kollegen, Beratern, Ansprechpersonen in den Verwaltungen oder Verbänden eingeholt, ergänzend und erweiternd dann aus Merkblättern, Fachzeitschriften, Büchern, Datenbanken, Internet, Fortbildungen, Feldtagen oder Messen. Auf hohem Wissensniveau entsteht auch der Bedarf nach neuen Anregungen, nach Vertiefung, nach besserem Verständnis und besserem Erkennen, nach Weiter- und nach Neuentwicklung. Spätestens dann geht es nicht mehr nur um Informationsvermittlung oder einseitigen Wissenstransfer, sondern es geht um Wissensaustausch, in dem jeder einzelne Betrieb bedeutend ist. Informieren und Reflektieren, Ausprobieren und Verinnerlichen wird dann zu einem Prozess, in dem Wissen von allen Beteiligten produziert, genau genommen mitproduziert wird.

Viele Subsysteme

Die Fülle und Komplexität des Landwirtschaftlichen Wissenssystems zeigt sich, wenn die einzelnen Elemente des Systems für einen ausgesprochen weit differenzierten Sektor betrachtet werden. Dieser umfasst neben vor- und nachgelagerten Bereichen, neben Landwirtschaft auch Gartenbau, Landschaftspflege, Forst und Ernährung, neben Fachinformation auch die Kommunikation zu und mit den Verbrauchern, neben Länder- und Bundeszuständigkeiten auch die Staatengemeinschaften sowie regionale und lokale Bezüge. Die Fülle und Komplexität zeigt sich ebenso, wenn Teilelemente wie beispielsweise die Beratung betrachtet werden. Zu unterscheiden sind dann die verschiedenen Beratungsanbieter, die neutral oder interessengebunden agieren, und die verschiedenen Beratungsformen (zum Beispiel Einzel- oder Gruppenberatung). Je nach Informations- beziehungsweise Reflektionsbedarf bestehen Beziehungen zu verschiedenen Beratungsanbietern. Die ratsuchenden Landwirte wissen zumeist recht gut, was sie von den einzelnen Beratern erwarten können. Auch dies ist ein wesentlicher Teil eines Wissenssystems: zu wissen, wo welche Art von Information zugänglich ist.

Eine noch höhere Komplexität des Landwirtschaftlichen Wissenssystems wird bei der Betrachtung der Subsysteme deutlich. Bedingt durch den Föderalismus stehen in Deutschland 16 Landwirtschaftliche Wissenssysteme nebeneinander. Spürbar wird dies in der Berufsausbildung, in den von den Ländern getragenen Kompetenzzentren, den Landesanstalten und auch in der Beratung, sofern es sich um Länder handelt, die Offizialberatung anbieten. Weiter lassen sich Subsysteme gliedern nach der Wirtschaftsweise. Ökologische und konventionelle Wirtschaftsweise erfordern jeweils hochgradig differenzierte Wissenssysteme, ebenso Kulturpflanzenanbau, Tierhaltung, Züchtung, Veredlung oder die einzelnen Technikbereiche.

 

Wissen: Wege und System

Werden einzelne, scheinbar unscheinbare Zeichen zusammengesetzt und so geordnet, dass sie etwas aussagen, entstehen Daten. Wird Daten eine Bedeutung zugewiesen, entsteht daraus Information. Wird Information mit Erfahrungen verknüpft, so entsteht Wissen. Wissen ist daher an Personen gebunden und entfaltet sich schließlich durch menschliches Handeln. Im Berufsalltag ist es von hoher Bedeutung, dass wichtige und richtige Informationen zum richtigen Zeitpunkt zu den Personen gelangen, die diese Informationen mit ihrem jeweiligen Wissen und mit ihren Tätigkeiten verknüpfen. Ebenso bedeutend ist, dass daraus neues Wissen und damit auch wieder neue Informationen entstehen, die weitergegeben werden können.

Dieser Prozess des sogenannten Wissenstransfers – genau genommen des Informationstransfers – geht keineswegs nur in eine Richtung, beispielsweise von Wissenschaftlern zu Beratern und von Beratern zu Landwirten. Vielmehr ist es zu verstehen als Wissensaustausch zwischen verschiedenen Personen und im nächsten Schritt als Koproduktion von Wissen. Unterstrichen wird damit die Wichtigkeit bei komplexen Fragestellungen, die niemand alleine lösen und durchschauen kann, zusammenzuwirken und sich auf das jeweilige Wissen der anderen einzulassen. Der Begriff „Wissenssystem“ umfasst das Ganze, das heiß die Einzelpersonen, Organisationen und Institutionen sowie die Informations- und Wissensbestände zu einem Bereich, die Prozesse des Wissenstransfers und der Entstehung von neuem Wissen. Ein Wissenssystem ist weit mehr als ein Auskunftssystem, in dem Informationen gespeichert und abrufbar sind, denn es umfasst auch die Beziehungen, die Erfahrungs- und Anwendungsbereiche in der täglichen Berufspraxis sowie der sich in stetiger Bewegung befindenden gesamtgesellschaftlichen Prozesse und Rahmenbedingungen.

Innovationspotenzial

Die Wissenserweiterung durch die Aufnahme neuer Informationen und die Weitergabe von Wissen vollzieht sich in einem dynamischen Prozess, der große Weiterentwicklungsmöglichkeiten bietet. Besonders dynamisch ist dies, wenn Gruppen von Landwirten – beispielsweise in der Ringberatung, bei Feldtagen oder in Diskussionsforen – miteinander diskutieren und einen Entwicklungsgedanken verfolgen. Im Kontext des EU-Forschungsprojektes SOLINSA (Support of Learning and Innovation Networks for Sustainable Agriculture), in dem es um die Förderung von Lern- und Innovationsnetzwerken für eine nachhaltige Landwirtschaft ging, zeigte sich, dass in solchen Gruppen sehr viel Innovationspotenzial steckt, ohne das dies den Gruppen selbst besonders bewusst ist. Die durch das Projekt initiierten Informationsmöglichkeiten über die länderspezifischen Wissenssysteme hinaus wurden als sehr bereichernd erlebt. Sich in ungewohnten und neuen Konstellationen zu treffen, eine Fragestellung im moderierten Austausch mit Landwirten, Beratern, Wissenschaftlern und Politikvertretern aufzunehmen und sich gegenseitig zuzuhören, wurde als stärkend und horizonterweiternd von den Beteiligten wahrgenommen. 

Der Informationsfluss innerhalb eines Wissenssystems ist häufig nicht gegeben, da die Vernetzung fehlt, die Verständigung schwierig ist oder einzelnen Themen unterschiedliche Bedeutung zugemessen wird. Erste Schritt sind also der Austausch von Information und die Begegnung, die für die einzelnen Personen sehr viel Neues bringen. Herausfordernd ist es, in solchen Konstellationen langfristig zu arbeiten. Ein Beispiel aus der Praxis ist das Netzwerk der Leitbetriebe Ökologischer Landbau in Nordrhein-Westfalen. 

Was hat es mit Innovationen auf sich, die in Nischen entstehen? Neuerungen wie die muttergebundene Kälberaufzucht, bäuerliche Getreidezüchtung oder Bürgeraktiengesellschaften entstehen aus der Initiative von Landwirten, von Landwirten und Verbrauchern oder auch aus Stiftungen heraus, die bewusst nach Alternativen suchen. Diese Neuerungen sind selbst innerhalb des ökologischen Landbaus, der aus der Perspektive des gesamten Wissenssystems noch immer als Innovation betrachtet wird, neu. Die Stärke dieser Innovationen ist, dass diejenigen, die sie entwickeln, selbst mit der Innovation leben und arbeiten. 

Ein Übertragen nach Rezept ist jedoch nicht möglich. In der Übertragung und jeweiligen Anpassung stecken wiederum ergänzende Informationen, Verinnerlichung der Informationen und Kopplung an die jeweiligen Bedingungen – kurzum: neues Wissen. Hinzu kommt die jeweilige Neuorientierung im Wissenssystem und Kooperation mit denjenigen, die etwas zur jeweiligen weiteren Entwicklung beitragen können. Weiterhin gehört dazu wieder der Prozess, dieses Wissen zu verbreiten. Wie gelangt solches Wissen in der Fülle des Sektors in Fachzeitschriften, in Newsletter, in die Berufsausbildung, in die Weiterbildung, in die Fachhochschulen und Universitäten? Was erfordert es, dieses Wissen zu bewerten und für unterschiedliche Nachfrager aufzubereiten? Mit jedem Schritt der Verbreitung entwickelt sich das Wissen um die Neuerung weiter, denn je nach Erfahrung und Perspektive werden Nutzen, Risiken, Potenziale und Restriktionen unterschiedlich gedeutet. 

Komplexität als Chance

Die Differenziertheit und Komplexität der einzelnen Teile des Landwirtschaftlichen Wissenssystems
ist eine Stärke, denn es entsteht sehr viel Information und Wissen. Zugleich sind diese Differenziertheit und Komplexität eine überaus große Herausforderung, denn es versickert auch viel Information. Die landwirtschaftlichen Höfe stellen den Kern des Landwirtschaftlichen Wissenssystems dar, das aus vielen mehr oder weniger stark miteinander verflochtenen Teil-Wissenssystemen besteht. Erst hier zeigt sich die Tauglichkeit der Informations- und Wissensbestände. 

Dennoch sind für den Einzelnen weite Teile der verfügbaren Information und des verfügbaren Wissens nicht zugänglich. Zur Unübersichtlichkeit kommen Praxisferne und begrenzte Übertragbarkeit möglicher Lösungen hinzu. Weitere Hemmnisse sind eine begrenzte Aufnahmefähigkeit und ein einseitig vermittelter Wissenstransfer, Vorurteile und zu schnelle Bewertungen, wechselnde Zuständigkeiten und wechselndes Personal. Voraussetzungen für ein innovatives Wissenssystem sind die gegenseitige Anerkennung von Erfahrungswissen und von wissenschaftlich überprüftem Wissen, die Fähigkeit, miteinander verständlich zu kommunizieren, sowie die Neugierde und Offenheit für Wissen, das in Nischen entsteht und Bestehendes in Frage stellt.

Die Herausforderungen des landwirtschaftlichen Sektors, beispielsweise um den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit, beim Tierwohl, bei der betrieblichen Zukunftssicherung und Erzeugung hochwertiger Lebensmittel, sind so mannigfaltig, dass es bewegte und offene Prozesse der Wissens-Koproduktion braucht, die aus der Vielfalt und Tiefe des vorhandenen Wissens schöpfen. 

 

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Dr. Simone Helmle

Agrarsoziologin und Leiterin der Demeter Akademie in Darmstadt