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Lehren und lernen mit REVIS

Bildungsexperten sind sich einig: Die Themen Ernährung und Konsum gehören in den Unterricht. Das Forschungsprojekt REVIS will dazu auf unterschiedlichen Ebenen Hilfestellungen anbieten.

3 Kinder experimentieren mit Getränken
Hilla Südhaus, aid

Welches Anliegen REVIS* verfolgt und wie Lehrkräfte damit arbeiten können, erklärt Prof. Dr. Kirsten Schlegel-Matthies vom Institut für Ernährung, Konsum und Gesundheit an der Uni Paderborn:

Prof. Dr. Schlegel-Matthies, wie wird in der Schule heute gekocht? Was macht man anders?

Eigentlich machen wir gar nicht so viel Neues. Die Nahrungszubereitung nach REVIS wird lediglich in einen sinnvollen Kontext eingeordnet. Es geht ja nicht darum, dass ich in der Schule lerne ein Schnitzel zu braten. Das kann nicht Aufgabe von Schule sein, wo ist da der Bildungswert? Aber es geht darum, Schülerinnen und Schülern deutlich zu machen, was ein Schnitzel überhaupt ist, also welches Teil vom Schwein oder Kalb, wenn ich ein Wiener Schnitzel habe. Warum wird das paniert oder eben nicht paniert? Wie kann ich bestimmte Teile verwerten, die vielleicht nicht so hochwertig sind? Sie sollen dahinkommen, Essen und Ernährung als ein zentrales Element der Gestaltung ihres Alltags zu begreifen, als etwas positives, das Spaß machen kann und als einen Lebensbereich, in dem sich Kulturtechniken entwickelt haben und weitergegeben werden. Und das kann durchaus gesundheitsförderlich sein, das ist kein Widerspruch.

Kinder und Jugendliche bringen ja ganz unterschiedliche Essbiografien mit in die Schule. Wie gehe ich damit um?

Wir können in der Schule nichts anbieten, was Schülerinnen und Schülern nicht schmeckt. Wir können ihnen aber ermöglichen, neue Geschmackserfahrungen zu machen und sich damit auseinanderzusetzen, wie sich ihr Geschmack herausgebildet hat. Zugleich erfahren sie etwas über die Küche, in der sie und ihre Mitschüler sozialisiert worden sind. In Deutschland haben wir traditionell eher eine Kartoffelküche und in anderen Teilen der Welt da isst man eben Reis, Nudeln oder Maniok. Küchen haben immer ein Nahrungsmittel, das Kohlenhydrate liefert, sie haben immer bestimmte Bestandteile, die Proteine liefern usw. Und daraus kann dann ein Verständnis entwickelt werden, dass auch klimatische oder religiöse Einflüsse eine Rolle spielen und dass über Essen und Trinken auch sozialer Status abgebildet wird.

REVIS ist aber nicht nur für das Fach Hauswirtschaft konzipiert.

Das ist ein wichtiges Bildungsanliegen, das wir verfolgen. In einer Gesellschaft, in der die Globalisierung den letzten privaten Bereich durchdringt, da müssen alle Menschen die Möglichkeit haben, sich für den Bereich der Ernährung, des Konsums, der Gesundheit zu bilden. Das hat auch etwas damit zu tun, dass Menschen mündig werden und selbstbestimmt agieren können sollen. Und dazu gehört auch zu wissen: Wo kann ich mir Hilfestellung holen? Wer versucht mich zu beeinflussen, wie gehe ich möglicherweise damit um? Das gilt auch für diejenigen, die eine gymnasiale Ausbildung absolvieren.

Warum fällt es vielen Lehrkräften schwer, REVIS konkret im Unterricht umzusetzen?

Im REVIS-Curriculum sind viele Schlüsselworte enthalten, bei denen viele zunächst denken: „Das mache ich ja schon!“. REVIS verfolgt aber nicht nur die Vermittlung von Fachwissen, sondern will darüber hinaus Kompetenzen anbahnen. Das haben wir in der Neuauflage der aid REVIS-Broschüre versucht, deutlicher herauszuarbeiten. Dazu gehört die entsprechende Motivationsentwicklung, die Schulung von Fertigkeiten, die Entwicklung von Fähigkeiten. Natürlich gehört auch Wissen dazu, aber das ist es nicht allein. Es müssen Reflexionsfähigkeiten und letzten Endes Entscheidungskompetenzen angebahnt werden.

Lassen Sie uns etwas näher auf die Broschüre eingehen. Wie kann ich mit den einzelnen Elementen meinen Unterricht planen? Wo fange ich an?

Das ist ganz unterschiedlich. Wenn ich zu einem der neun Bildungsziele ein Unterrichtsvorhaben konzipieren möchte, schaue mir zunächst an, welche Kompetenzen darunter gefasst werden. Dann überlege ich mir, was diese Kompetenzen im Einzelnen bedeuten, wie ich sie kleinschrittig aufteilen kann und mit welchen Themen und Inhalten sie sinnvoll bearbeitet werden können. Das heißt in diesem Fall, ich gehe beim Poster ein Bildungsziel von oben nach unten durch. Möchte ich mich aber mit einem bestimmten Themenbereich befassen, dann schaue ich, welche Kompetenzen meine Schülerinnen und Schüler erwerben sollen und arbeite mich von unten nach oben vor. Da kann ich mich dann anhand des didaktischen Würfels fragen: Ist die Thematik, die ich bearbeiten will, in der Ernährungsbildung, in der Verbraucherbildung oder in der Gesundheitsbildung verankert? Gibt es Überschneidungen? Im Idealfall werden alle drei Bereiche abgedeckt, das ist aber nicht immer möglich.

Darüber hinaus werden noch weitere Kontexte angestoßen.

Die Reichweite einer Thematik kann vom Individuum über die soziale Gruppe bis zur ganzen Gesellschaft, die berücksichtigt wird, ausgehen. Wenn ich zum Beispiel Lebensmittel einkaufe, achte ich drauf, dass die fair gehandelt sind? Weiß ich überhaupt was fairer Handel bedeutet? Gucke ich nach dem Biosiegel? Welche Relevanz hat das Biosiegel, was sagt das überhaupt aus? Oder entscheide ich mich für ein weitergehendes Siegel wie Neuland oder Demeter? Mache ich auch andere darauf aufmerksam?

Der didaktische Würfel
Der didaktische Würfel

Dann habe ich noch die dritte Seite des Würfels mit den drei didaktischen Prinzipien...

Da ist es wichtig, dass bei der Unterrichtsplanung überlegt wird, was methodisch sinnvoll ist. Habe ich im Blick, dass es um mehr geht als nur um Vorratswissen? Sind alle Aspekte einer Kompetenzentwicklung berücksichtigt, so dass die Schülerinnen und Schüler Handlungskompetenzen entwickeln können. Arbeite ich salutogenetisch, motiviere ich sie also entsprechend und ermögliche ich Selbstwirksamkeitserfahrungen? Und dann muss ich das lebensbegleitende Lernen berücksichtigen: Bearbeiten die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Fragen, die sie wiederfinden? Wo bekommen sie Informationen, wenn sie nicht mehr in der Schule sind?

In der Broschüre haben Sie verschiedene Unterrichtsmaterialien kommentiert. Worauf sollten Lehrkräfte achten, wenn Sie Materialien zur Verbraucherbildung angeboten bekommen?

Sie müssen fachlich korrekt sein, das ist das Wichtigste. Außerdem ist ein Unterrichtsmaterial nur dann gut, wenn es seine Quellen angibt. Wenn es fachlich korrekt ist, ich aber nicht überprüfen kann, was den Aussagen zugrunde gelegen hat, dann ist das ein grober Mangel. Außerdem sollten Lehrkräfte darauf achten, dass keine einseitige Position dargestellt ist. Ich habe mir viele Unterrichtsmaterialien angeschaut, in denen die gegensätzliche Aspekte und wissenschaftliche Positionen oder auch widersprüchliche Normen einfach ausgeblendet wurden. Und das kann nicht im Sinne von guter Bildung sein. Die Widersprüche, die es im fachlichen Bereich gibt, müssen im Material auch dargestellt werden. Nur so kann man Kindern und Jugendlichen ermöglichen, ihre eigene Position zu entwickeln.

Und natürlich darf ein Material niemals ideologisch sein. Es muss eindeutig sein, von wem das Material ist, wer daran mitgearbeitet hat, welches Interesse dahinter steht. Und es darf keine Werbung für einzelne Produkte oder Dienstleistungen machen.

Prof. Dr. Schlegel-Matthies, wir beenden unser Gespräch an dieser Stelle und danken Ihnen für Ihre Zeit.

 

*Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in allgemein bildenden Schulen

Silke Hoffmann, Bielefeld |

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