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Lernen auf den letzten Drücker?

Mädchen mit Brille hinter Büchern
Igor Mojzes / Fotolia.com

Unangenehmes sofort zu erledigen, fällt den meisten schwer – dazu zählt auch das Lernen vor einer Prüfung. Häufig bleibt nur noch Zeit für sogenanntes „Bulimielernen“.

Für nahezu alle menschlichen Entscheidungen gibt es ein Für und Wider. Deshalb wird jedes Vorhaben bewusst oder unbewusst einer Prüfung unterzogen. Innerhalb dieses Faktenchecks wägt der Mensch die Vor- und Nachteile ab und stellt sich beispielsweise folgende drei Fragen:

  • Was ist der vermutete Mehrwert des beabsichtigten Verhaltens?
  • Wie wird die Umwelt vermutlich reagieren?
  • Wie groß wird die eigene Fähigkeit eingeschätzt, das beabsichtigte Verhalten auch umzusetzen?

Interner Faktencheck

Fällt der interne Faktencheck positiv aus, entdeckt beispielsweise ein Auszubildender im frühzeitigen Lernen einen Mehrwert und glaubt, dass die Kommentare der Umwelt positiv ausfallen werden und dass er in der Lage ist, mit dem Lernen frühzeitig zu beginnen, dann steht der Umsetzung des Entschlusses nichts im Wege.

Der Mensch bevorzugt von Natur aus die unmittelbare Befriedigung seiner Bedürfnisse. Deshalb hegt er eine automatische Abneigung gegen Verhaltensweisen, die in ihm ein schlechtes Gefühl erzeugen. Wenn an die Stelle der alten Gewohnheit des Bulimielernens eine neue, bessere treten soll, dann erfordert diese Umstellung Zeit, Energie und Durchhaltevermögen. Gehirnforscher gehen davon aus, dass es sechs bis neun Monate braucht, um einen neuen Pfad im Gehirn auszubilden, der dann zur Gewohnheit wird.

Unangenehmes aufschieben

Dass heißt, wenn ein Lernender den Entschluss gefasst hat, sich frühzeitig auf eine Klausur vorzubereiten, dann muss er über Wochen, manchmal Monate Dinge tun, die sich in der Vergangenheit nicht gut anfühlten, die ihm unangenehm sind. Auf der rationalen und bewussten Ebene spricht vieles für eine solche Investition. Aber auf der intuitiven, unbewussten Ebene fühlt es sich falsch an, dafür auf lieb gewonnene Dinge zu verzichten. Deshalb schieben Menschen Aufgaben, die mit Anstrengung verbunden sind und somit als unangenehm empfunden werden, zugunsten eines kurzfristigen Wohlbefindens beiseite.

Zwei Verkehrsschilder: Neue Ziele und Alte Gewohnheiten
Der Abschied von alten Lernmustern kostet Zeit, Energie und Durchhaltevermögen.

Strategien zur Veränderung

Der Mensch ist die Summe seiner Gewohnheiten. Alte Verhaltensweisen preiszugeben und Neues auszuprobieren erfordert die Überwindung des natürlichen Bedürfnisses nach rascher Wunscherfüllung. Was muss geschehen, bevor ein Bulimielerner sein Verhalten ändert? Die Motivation für eine nachhaltige Verhaltensänderung könnte sich aus einem „Schock“ ergeben: Der Bulimielerner nimmt entsetzt zur Kenntnis, dass das Lustgefühl des Last-Minute-Lernens verpufft, seine gewohnte Strategie nicht mehr funktioniert und sich Misserfolge einstellen.

Doch so weit muss es erst gar nicht kommen: Wenn es dem Bulimielerner gelingt, das neue Lernverhalten positiv zu besetzen, wird er sicherlich sein Ziel diszipliniert verfolgen. Wie kann dies gelingen?

Sieben Schritte

Schritt 1: Prüfen Sie Ihren Veränderungswunsch! Hinterfragen Sie, ob das Ziel wirklich überzeugt, überlegen Sie: Wie ist der Vorsatz, sich frühzeitig auf eine Klausur vorzubereiten, eigentlich entstanden? Es lohnt sich, die eigentliche Motivation zu klären. Wer die Notwendigkeit zum (frühzeitigen) Lernen nicht erkennt, kann die Herausforderungen nicht oder nur bedingt meistern. Nicht die Aufgabe (Was?) und das Vorgehen (Wie?), sondern die Begründung auf die Frage „Warum“ aktiviert (Lern-)Energie. Je besser sich ein guter Vorsatz mit einem eigenen, tiefer reichenden Wunsch deckt, desto lohnender ist es, sich für seine Verwirklichung zu engagieren.

Schritt 2: Schaffen Sie neue positive Gewohnheiten! Wer zum Beispiel eine Sprache lernen will – ob in einem Kurs an der Volkshochschule oder im Selbststudium – kommt ohne regelmäßiges Üben nicht aus. Am besten reservieren Sie sich feste Lernzeiten im Terminkalender. Diese Stetigkeit führt zu einer festen Gewohnheit.

Schritt 3: Legen Sie Etappensiege fest! Viele Menschen scheitern beim Erreichen von Zielen, weil sie zu viel auf einmal wollen. Deshalb ist es wichtig, die Selbstveränderung zunächst auf nur ein Ziel und auf überschaubare, einfache erste Schritte zu begrenzen – und diese zu wiederholen. So ist das „emotionale Gehirn“ nicht ständig mit furchteinflößenden Riesenaufgaben konfrontiert, Fluchtreflexe werden nicht ausgelöst.
Etappensiege haben zwei Vorteile:

  • Das große, in der Ferne liegende Ziel wird durch das „Herunterbrechen“ in Etappen kleiner und dadurch leichter vorstellbar und erreichbar. Zum Beispiel fällt es vielen Menschen leichter, jeden Tag nur zehn Minuten zu lernen, statt sich zweimal pro Woche für jeweils 35 Minuten hinzusetzen.
  • Durch das Erreichen der Etappensiege wird Selbstwertgefühl aufgebaut und Sie finden Bestätigung in Ihrem Vorhaben. Vor dem Hintergrund dieser Erfolge wird ein eventuell auftretender Misserfolg leichter verkraftet und relativiert.

Schritt 4: Belohnen Sie sich für Etappensiege! Die Lernergebnisse stellen sich gewöhnlich erst nach längerer Zeit ein. Deshalb fällt das Anfangen und Durchhalten oft schwer. Hilfreich ist es, wenn Sie das für das Erreichen Ihres Zieles erforderliche Verhalten „künstlich“ stimulieren, bis die ersten Ergebnisse sichtbar werden. Das verstärkt Ihre Motivation, am Ball zu bleiben. Am besten verbindet Ihr Kopf eine Belohnung mit dem zugehörigen Verhalten, wenn die Belohnung während oder unmittelbar nach dem Lernen stattfindet. Gibt es beispielsweise im Fernsehen eine Serie, die Sie sich regelmäßig anschauen und nicht verpassen möchten? Auf diese Weise lassen sich „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“: Einerseits würden Sie immer an bestimmten Tagen zur gleichen Zeit lernen, wodurch sich mittelfristig eine neue Gewohnheit bildet. Andererseits würden Sie sich unmittelbar mit Ihrer Lieblingsserie belohnen. Das unmittelbare Wohlgefühl spornt Sie an, das neue Verhalten beizubehalten.

Schritt 5: Lernen Sie mit Gleichgesinnten! Neben der individuellen Motivation, die ein Lernender allein aus sich selbst und aus dem Lerngegenstand zieht und die gefördert wird, wenn Lernaufgaben herausfordernd, Neugier erzeugend, kontrollierbar und fantasieanregend sind, trägt die zwischenmenschliche Motivation zum Lernerfolg bei. Gemeinsam lernen, Inhalte diskutieren, Fragen entwickeln und klären, komplexe Sachverhalte durchdringen, Erfahrungen austauschen, Probleme knacken, an denen man alleine verzweifeln würde, Widerstände gemeinsam überwinden, Spaß haben – all das hilft, ein Motivationstief zu überwinden.

Schritt 6: Schmieden Sie Wenn-dann-Pläne! Diese Notfallpläne sind dadurch gekennzeichnet, dass Sie sich in guten Zeiten typische Situationen ausmalen, in denen Sie das Ziel aus den Augen verlieren könnten, und sich passend dazu eine Gegenmaßnahme überlegen, die Ihnen in schlechten Zeiten weiterhilft. Identifizieren Sie also typische Motivationsprobleme. Wann und wo könnten Lernblockaden auftauchen? Was kann ich tun, um die Hindernisse zu überwinden? Ein Beispiel: Wenn ich einen inneren Widerstand gegen das Lernen spüre, weil ich mir dauernd einrede, ich müsste lernen, dann erinnere ich mich daran, dass ich nicht lernen muss, wenn ich dies nicht möchte. Da ich die Prüfung jedoch bestehen will, entscheide ich mich zum Lernen, auch wenn es mir momentan kein Vergnügen bereitet. Ich werde bewusst darauf achten, mir Zeiten der Entspannung zu gönnen.

Ganz gewiss lassen sich nicht alle möglichen Motivationsprobleme genau planen. Es reicht, wenn Sie sich auf Situationen vorbereiten, die Ihnen aus der Vergangenheit bekannt sind, also typische Verhaltensweisen, Denkmuster, Gewohnheiten oder Vorbehalte.

Menschengruppe am Laptop
Ein Vorteil des gemeinsamen Lernens: Begeisterung steckt an.

 

Schritt 7: Rechnen Sie mit Rückfällen! Rückfälle beweisen, dass die alten Gewohnheiten noch vorhanden und die neuen noch nicht stark genug ausgeprägt sind. Rückfälle sollten deshalb kein Alibi für den Totalabbruch eines guten Vorsatzes sein. Wenn Sie von vornherein Rückfälle einkalkulieren und gelassen damit umgehen, dann geraten Sie nicht in die typische „Alles-oder-nichts-Falle“.

Und ein letzter Tipp: Wenn Sie dazu neigen, das Lernen immer wieder aufzuschieben, dann fragen Sie sich hin und wieder: Welche Auswirkungen hat diese Entscheidung in zehn Minuten, in zehn Monaten und in zehn Jahren?

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Michael Kluge
privat

Der Autor

Michael Kluge

Ausbilder-Coach (IHK/EAS), Personaltrainer und Buchautor

Pattensen

Literatur

Kluge, M. (2015):

Vom Lernmuffel zum Überflieger. Ein Motivations- und Lerntraining für Azubis.

Konstanz: Christiani.