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Markt der Möglichkeiten

Wienerschnecken auf einer Hand
L. Ilgner f. Falter

Tomatenfisch, Hühnermobil, Wiener Schnecken, Kiri-Anbau und Jellyfish Barge sind Beispiele für innovative Ideen und Konzepte, die die Zukunftsfähigkeit der grünen Branche sichern. 

Es gibt sie, die guten Ideen, Erfindungen und Konzepte für eine zukunftsfähige Landwirtschaft. Folgende Beispiele zeigen, was sich mit Landwirtschaft auf die Beine stellen lässt.

Forschungsteam Tomatenfisch

Was ist das? – Tomatenfisch ist weder ein genetisch erzeugter neuer Organismus noch Dosenfisch mit Tomatensauce: Es ist ein wissenschaftliches Projekt am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin (IGB), das in der Langfassung: „Aquaponik System für die nahezu emissionsfreie Produktion von Fisch und Tomaten in Gewächshäusern“ heißt. Die Aquaponik kombiniert Fischzucht und Pflanzenzucht. Es handelt sich dabei um einen geschlossenen Wasser- und Nährstoffkreislauf: Die Fische liefern den Tomatenpflanzen CO2, Nährstoffe und Wasser – die Tomaten produzieren im Gegenzug Sauerstoff und es fällt Frischwasser für die Fische ab. Der von den Pflanzen erzeugte Wasserdampf setzt sich in einer Kältefalle am Dach ab, tröpfelt über Rohre zurück in die Fischbassins. Die Berliner Forscher haben das System hocheffizient weiterentwickelt. Nur drei Prozent Frischwasser müssen zugesetzt werden. Sie haben ausgerechnet: Für ein Kilogramm Freilandtomaten im spanischen Almeria müssen 180 Liter Grundwasser eingesetzt werden, mit Aquaponik braucht man nur 35 Liter und ein Fünftel der Fläche. Auch die Ernährung der Fische ist nachhaltig: mit proteinreichen Mücken- und Fliegenlarven. Die Versuchsanlage im IGB funktioniert emissionsfrei: Für die Wärmezufuhr im Treibhaus nutzt sie die Abwärme von Biogasanlagen oder Solarpanels. 
Wer hat’s erfunden? – Der Biologe Werner Kloas mit seinem Team am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin (IGB). 
Was bringt das? – Die Forscher sagen, sie können mit ihrem System Fische und Gemüse nachhaltiger erzeugen, als es Fischzüchter und Bauern bisher getan haben. Das Forscherteam will mit der Technologie zur Lebensmittelsicherheit im 21. Jahrhundert beitragen. Zum einen ermöglicht Tomaten-fisch die Lebensmittelproduktion in der Stadt (Urban Farming). Zum anderen sind die Anlagen vom Regentonnen-Format bis zur Großfarm skalierbar und damit im kleinen und im großen Stil einsetzbar.

Ein Basissystem für rund 1.000 Euro könne etwa 200 Kilogramm Fisch pro Jahr liefern, schätzen die Forscher. Das Verfahren wird jetzt unter Federführung des IGB auch im großen Maßstab erprobt: Das von der EU geförderte Projekt INAPRO läuft bis 2017 und soll in den einzelnen Anlagen etwa 10 Tonnen Nilbarsche und 30 Tonnen Tomaten produzieren.

Mobiles Heim für Hühner

Was ist das? – Wer Hühner im Freiland hält weiß: Nach kürzester Zeit verwandelt das Federvieh die saftige grüne Wiese in einen schlammigen Acker. Das Hühnermobil ist ein mobiler und somit flexibel versetzbarer Hühnerstall. Bevor die Grasnarbe vom Hühnerkot und Scharren völlig zerstört ist, können Tiere samt Unterschlupf auf ein neues Stück Wiese umziehen. Sitzstangen, Scharrraum, Licht- und Lufteinlass, Wasser- und Futterversorgung, Entmistung – es wurde alles bedacht: Hühnermobile sind ausgeklügelte Systeme für eine moderne Bio-Hühnerhaltung. Verschiedene Modelle sind auf dem Markt mit Platz für 225, 800 oder 1.200 Legehennen und je nach Wunsch und Geldbeutel mit mehr oder weniger Automatisierung. 
Wer hat’s erfunden? – Agraringenieur und Bio-Bauer Maximilian Weiland und seine Frau Iris, Inhaberin der Stallbauer-Firma und Geflügelhalterin aus dem hessischen Bad Soden. Was bringt das? – Erfinder und Nutzer sind sich einig: Das Hühnermobil verbessert die Hühner-Freilandhaltung, sorgt für gesunde glückliche Hühner, schützt die Umwelt und bringt dem Verbraucher mehr Transparenz. Durch das regelmäßige Versetzen, verteilen die Hühner den Kot gleichmäßig auf die Fläche und es kommt zu keiner Überdüngung. Die Grasnarbe kann sich wieder erholen. Außerdem verringert sich der Parasitenbefall – ein großes Problem in der

Freilandhaltung. Die Bauern müssen keine Medikamente einsetzen. Die Hühner können ständig Pflanzen und Samen picken und neue Areale erkunden – so kommt keine Langeweile auf und die Tiere rupfen sich nicht, wie in anderen Hühnerställen, gegenseitig die Federn aus. Zu guter Letzt erzeugt so ein Hühnermobil Aufmerksamkeit und die Bauern können es als Werbefläche für Hof und Erzeugnisse nutzen. Die Verbraucher zeigen sich erfahrungsgemäß begeistert von den Ställen und dem Konzept und sind bereit, einen fairen Eierpreis zu zahlen. Und: Glückliche gesunde Hühner legen leckere Eier.

Schnecken für Gourmets

Was ist das? – Wiener Schnecke, das klingt nach einer zarten österreichischen Mehlspeise, meint aber das echte Tier, die Weinbergschnecke. Die hatte bis Anfang des 20. Jahrhunderts noch kulinarische Tradition in Österreich und wurde als „Wiener Auster“ auf den Märkten verkauft. Es gab sogar einen eigenen Schneckenmarkt. Dann verschwanden Schnecken, verschrien als „Arme-Leute-Essen“, erst von den Menütafeln, dann von den Märkten und gerieten schließlich in Vergessenheit. Bis vor ein paar Jahren ein mutiger Junglandwirt den 400 Jahre alten Familienbetrieb von seiner Großmutter übernahm und Schweineställe, Felder und Gemüseäcker in eine Schneckenfarm verwandelte. Er überzeugte die Wiener Gourmets mit hoher Qualität, seitdem stehen Weinbergschnecken in der österreichischen Hauptstadt wieder auf der
Speisekarte. 
Wer hat’s erfunden? – Andreas Gugmuck erhielt für seine Weinbergschneckenzucht im Nebenerwerb 2009 den Innovationspreis der Jungbauern des österreichischen Landwirtschaftsministeriums. Danach hängte er seinen sicheren Job als IT-Projekt-Manager an den Nagel und wurde hauptberuflich Schneckenbauer. 

Was bringt das? – Andreas Gugmuck hat den Familienbetrieb zwar ordentlich umgekrempelt, aber dennoch die Nachfolge gesichert, er hat eine alte Wiener Esstradition wiederbelebt und mit seinen Weinbergschnecken das kulinarische Angebot erweitert. Er verkauft die Schnecken frisch an Gastronomen oder in Gläsern an Spezialitätengeschäfte, Marktstände und online. Zusätzlich produziert er noch Schneckenleber und schneeweißen Schneckenkaviar. Er findet, seine Schneckenfarm habe aber auch Potenzial in Sachen Welternährung und Lebensmittelsicherheit: Für ein Kilo Rindfleisch brauche man schließlich 14 Kilo Futter, für ein Kilo Schnecken nur zwei Kilo.

Kiri für den Holzmarkt

Was ist das? – Bereits nach zwölf Jahren ist ein Kiri-Baum fast so groß wie eine 100-jährige Eiche. Die Pflanze stammt aus Asien. Sie wächst nicht nur schnell, sondern auch mit geradem Stamm, tief verwurzelt. Das Holz ist sehr leicht aber dennoch stabil – ideal geeignet für Möbel, Boote oder als Werkstoff. So viel zur Pflanze. Die innovative Idee kommt mit der Bonner Firma WeGrow: Die kombinieren Pflanzenzucht mit Investmentfonds zu einem rundum nachhaltigen Produkt. Die Firma entwickelt und realisiert seit mehr als fünf Jahren Kiri-Anbauprojekte und lässt sie über geschlossene Holzfonds finanzieren. WeGrow arbeitet quasi als Dienstleister für die Anleger, denen die Kiri-Plantagen gehören. Zu den Geschäftsfeldern der Firma gehören Sortenentwicklung, Jungpflanzenproduktion, Standortbewertung, Pflanzung und Plantagenpflege. Sie beschäftigen rund ein Dutzend Mitarbeiter fest, dazu kommen Saisonverträge und Aufträge für Landwirte und Baumschulen vor Ort. In Deutschland gibt es bisher zwei Kiri-Projekte und eines in Spanien. Mehr als 13 Millionen Euro haben Anleger bisher in WeGrow investiert und erhoffen sich die Verdopplung ihres Einsatzes binnenzehn Jahren. Die Chancen stehen gut, dass es sogar noch mehr wird: Der Holzmarkt boomt.
Wer hat’s erfunden? – Volkswirtin Allin Gasparian und Agraringenieur Peter Diessenbacher. Als Student erkannte Diessenbacher das biologische Wachstumspotenzial des Kiri-Baums. Er züchtete einen Setzling auf der Fensterbank seiner Wohngemeinschaft und war über das Ergebnis verblüfft: Er konnte dem Baum förmlich beim Wachsen zusehen. Kiri-Bäume legen in einem Jahr bis zu fünf Meter zu. Mittlerweile hat Diessenbacher sich sogar eine Kiri-Sorte beim Sortenamt schützen lassen, die NordMax21. Das unternehmerische Potenzial hatte die Volkswirtin Gasparian im Blick, bewarb sich mit dem Konzept bei einem Wettbewerb der Gründerinitiative „Neues Unternehmertum Rheinland“ und beide fanden so viel Zuspruch, dass sie die WeGrow-GmbH gründeten.

Was bringt das? – WeGrow hat einen schnell nachwachsenden Rohstoff entdeckt und für den europäischen Markt passend gezüchtet und entwickelt. Dazu bietet die Firma in Zeiten großer Unsicherheit auf den Finanzmärkten eine ökologische Kapitalanlage mit größtmöglicher Transparenz für die Anleger. Allin Gasparian ist sich sicher, dass sie mit ihrer Firma und den Kiri-Bäumen angesichts schwindender Waldvorkommen eine nachhaltige Möglichkeit bietet, den weltweit steigenden Holzbedarf zu befriedigen.

Gemüse auf dem Floß

Was ist das? – Die Jellyfish Barge ist ein autarkes Gewächshausfloß, das auf dem Meer schwimmt. Eine 70 Quadratmeter große achteckige Holzkonstruktion auf recycelten Plastikfässern trägt das Gewächshaus. Mit an Bord ist eine Solar-Entsalzungsanlage, die am Tag bis zu 150 Liter Frischwasser aus Salz-, Brack- oder Schmutzwasser gewinnt. Die Energie liefern Sonne und Wind. Das Gewächshaus funktioniert mit einem Hydrokultur-System.
Wer hat’s erfunden? – Ein interdisziplinäres Team aus Architekten und Botanikern, koordiniert von Professor Mancuso von der Universität Florenz. Der Prototyp ist erfolgreich getestet – er schwamm im Oktober 2014 auf dem Kanal zwischen Pisa und Livorno.

Was bringt das? – Wenn der Meeresspiegel aufgrund des Klimawandels weiterhin steigt, wird in einigen Küstenregionen nicht nur das Land weniger, sondern es verringern sich auch die ohnehin knappen Frischwasservorräte. Mit der Jellyfish Barge können Menschen in solchen Regionen trotzdem Lebensmittel anbauen. Die Module sind mit einfachen Materialien und möglichst kostengünstigen Technologien gebaut. Ein Gewächshausfloß kann zwei Familien ernähren. Man soll mehrere Module aneinander koppeln können, um, je nach Bedarf, mehr Menschen mit Lebensmitteln zu versorgen.

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Die Autorin

Valeska Zepp

Journalistin

Bonn