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Natürliches Verhalten und Ansprüche von Milchvieh

Über die verschiedensten Stallbaukonzepte versuchen landwirtschaftliche Tierhalter den Bedürfnissen und dem natürlichen Verhalten von Milchkühen gerecht zu werden.

Rotbunte Kuh in einer Liegebox
E. Roesicke

Kühe haben eine Wohlfühltemperatur von -7 bis 16 °C. Sie geraten leicht in Hitzestress, der mit steigender Luftfeuchte und sinkender Luftgeschwindigkeit zunimmt. Eine Lage des Stalles quer zu Windrichtung, flexible Seitenwände (z. B. Jalousien), Traufhöhen von mindestens 4 Meter und helle, möglichst gedämmte Dacheindeckung tragen zum Wohlbefinden und zur Leistungsfähigkeit der Kühe bei. Als Unterstützungslüftung haben sich auch Ventilatoren bewährt. 

Rangordnung

Rinder sind Herdentiere. Damit auch größere Gruppen von 30 und mehr Tieren harmonieren, gibt es in jeder Herde eine Rangordnung, die über Rangkämpfe zwischen einzelnen Tieren festgelegt wird. Treffen Tiere zum ersten Mal aufeinander, wird in einem meist einmaligen Kampf geklärt, wer einen höheren Rangplatz einnimmt. Über die Stellung einer Kuh innerhalb der Herde entscheiden in der Regel Faktoren wie Alter, Gewicht oder die Behornung. Ist die Hierarchie geklärt, halten Kühe untereinander eine Individualdistanz ein. Darunter versteht man einen Mindestabstand, den die Tiere automatisch gegenüber Herdenmitgliedern einnehmen und der sich am Rang orientiert. Um Kühen dieses natürliche Verhalten zu ermöglichen, sollte ein Boxenlaufstall großzügig ausgelegt sein. Optimal sind 3,5 bis 4 Meter Raum vor dem Fressgang und mindestens 2,5 Meter breite Laufgänge. Das erlaubt den Tieren, ranghöheren Kühen auszuweichen bzw. sich problemlos aneinander vorbeizubewegen. Sackgassen sollten unbedingt vermieden werden, da rangniedere Tiere hier nicht ausweichen können und sich schnell bedrängt fühlen. Genügend Tränken und je ein Fress- und Liegeplatz pro Kuh tragen ebenfalls dazu bei, unnötige Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Ruhen

Im Laufe eines Tages hat eine Kuh bis zu 10 Ruhephasen, die sie meist im Liegen verbringt. Insgesamt ruhen Kühe etwa 12 bis 14 Stunden pro Tag, wobei sie 7 bis 8 Stunden wiederkäuen. Diese Phasen sind enorm wichtig für das Wohlbefinden und die Leistung der Tiere. Die Klauen trocknen ab,  die Gelenke werden entlastet und das Euter wird um bis zu 30 Prozent stärker durchblutet, was wiederum die Milchbildung fördert. In den Liegephasen nehmen Kühe unterschiedliche Positionen ein, wie z.B. die Brustlage zum Wiederkäuen, die totale Seitenlage oder die Schlafposition, bei der Kopf und Hals seitlich am Körper anliegen. Die Liegeboxen im Laufstall sollten alle Schlaf- und Ruhepositionen ermöglichen, d.h. die Boxenabmessungen, die Boxengestaltung und die Bugschwellen müssen passen. Probleme kann das Aufstehen und Hinlegen der Kühe bereiten, da die Tiere durch den Kopfschwung relativ viel Platz benötigen, deshalb ist die Position des Nackenrohrs wichtig. Drei Stunden nach Futtervorlage sollten 80 % aller Kühe in den Boxen liegen. Legt sich eine Kuh nicht innerhalb von 2 Minuten nach Betreten der Box hin, ist die Liegebox nicht optimal.

Bewegen

Kühe bewegen sich innerhalb eines Laufstalls zwischen den verschiedenen Funktionsbereichen, d.h. zwischen Fressplatz, Tränke, Liegefläche und Melkbereich. Dabei können sie mehrere Kilometer am Tag zurücklegen. Der Boden des Laufstalls muss deshalb trittsicher, sauber und trocken sein. Rinder sind von Natur aus Weichbodengänger, deshalb sind elastische Laufflächen wie Gummiböden günstig. Bei planbefestigten Laufflächen und Spaltenboden nimmt die Trittsicherheit im Laufe der Zeit ab. Eine Möglichkeit der Sanierung sind Fräsrillen. Nur bei trittsicheren Böden können die Tiere Verhaltensweisen wie das Brunstverhalten, oder die Körperpflege angst- und verletzungsfrei durchführen. Lange Schritte und ein erhobener Kopf zeigen an, dass sich Kühe beim Gehen sicher fühlen.

Fressen und Trinken

Kühe brauchen viel Futter und Wasser, um leistungsfähig zu sein. Grobfutter muss rund um die Uhr verfügbar sein, deshalb ist eine regelmäßige Futtervorlage wichtig. Voraussetzung für eine ausreichende Futteraufnahme ist ein Fressplatz pro Tier in ausreichender Breite. Selbstfangfressgitter sorgen dafür, dass rangniedere Tiere nicht verdrängt werden können. Einzeltierabtrennungen fördern eine ruhige Futteraufnahme und verhindern, dass ganze Fressgitterbereiche von ranghöheren Tieren blockiert werden. Erhöhte Fressplätze lassen die Klauen abtrocknen und die Tiere stehen außerhalb des zu entmistenden Laufbereichs. Dadurch werden die Fresszeiten nicht durch Entmistung unterbrochen. Der Futterplatz sollte erhöht sein, weil die Tiere vor dem Futtertisch keinen Ausfallschritt wie beim Grasen machen können. Kühe trinken bis zu 25 Liter Wasser in der Minute. Kippbare Trogtränken sind daher Standard in Laufställen. Zum Tierwohl gehört auch, dass das Wasser Trinkwasserqualität hat und die Tränken regelmäßig gereinigt werden.    

Komfortverhalten

Neben den elementaren Bedürfnissen wie Fressen, Trinken und Ruhen fördert auch die Möglichkeit zum Komfortverhalten das Tierwohl. Dazu gehört bei Kühen z.B. gegenseitiges Belecken sowie das Scheuern und Kratzen mit Hörnern und Hinterbeinen oder an Gegenständen. Um auch entlegene Körperregionen zu erreichen, nehmen die Tiere dabei zum Teil extreme Körperhaltungen ein, die genügend Platz und vor allem einen trittsicheren Boden erfordern. Mit einer oder mehreren Kuhbürsten im Stall kann das Komfortverhalten zusätzlich unterstützt werden.

Autor: Jürgen Beckhoff, Hamburg |

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