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Neue Risiken für den Wald

Stürme und Insektenkalamitäten waren schon immer Risiken für den Wald – allerdings als sehr seltene ”Jahrhundert-Ereignisse”. Hier zeichnet sich eine gefährliche Veränderung ab.

Kahle Waldfläche nach Sturm Kyrill
aid

Eine Häufung von schweren Stürmen führte seit 1990 zu enormen Zerstörungen in unseren Wäldern. Beim Jahrhundertsturm ”Lothar”im Dezember 1999 wurden Windgeschwindigkeiten von weit über 200 km/h gemessen, die man bei uns für praktisch ausgeschlossen hielt. Inzwischen sind mit "Kyrill" (2007) und "Emma" (2008) zwei weitere Stürme über Deutschland hinweggezogen, die Spitzenböen von über 200 km/h erreichten. Besonders Kyrill verursachte vor allem im Mittelgebirgsraum enorme Waldzerstörungen . Auf riesigen Waldflächen wurden nahezu alle Bäume umgeworfen oder abgebrochen. Und zusätzlich zu den Sturmschäden explodierten auch die Schäden, die durch Borkenkäfer verursacht wurden.

Ein gesunder Baum kann Borkenkäfer normalerweise abwehren. Auf Sturmschadensflächen finden die Borkenkäfer dagegen ein optimales und nahezu unbegrenztes Nahrungsangebot in den vom Sturm umgeworfenen und geschädigten Bäumen. Kommt noch ein trocken-warmer Sommer hinzu, entwickelt sich auf diesen Flächen innerhalb von ein bis zwei Jahren eine unglaublich große Zahl von Käfern. Diese Massen an Borkenkäfern können selbst die gesunden Bäume der Umgebung zum Absterben bringen. So sterben auch noch viele Bäume, die den Sturm überstanden haben – oft noch einmal so viele wie durch den Sturm selbst.

Die Klimaerwärmung hat aber noch weitere Folgen: So erschien beispielsweise Anfang der neunziger Jahre plötzlich der Schwammspinner – ein Schmetterling, der bisher nur an den wärmsten Südhanglagen an Rhein, Main und Mosel vorkam. In kürzester Zeit breitete er sich explosionsartig aus und fraß 1993 mehr als zehntausend Hektar Eichenwald kahl. Ein enormes Risiko für die ökologisch und wirtschaftlich höchst bedeutsamen Alteichenbestände!

Die ”Neuartigen Waldschäden”

Die Schäden an den Blättern und Nadeln der Waldbäume, die Ende der 70er-Jahre erstmals wahrgenommen wurden, lösten eine umfangreiche Forschungstätigkeit aus. Dabei stellte sich heraus, dass die Säureeinträge über die Luft enorm hoch waren - ausgelöst vor allem durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen. Besonders stark war die Wirkung der Schwefelverbindungen, die durch die Schwefelanteile in den Kraftstoffen entstanden.
Eine der Maßnahmen war deshalb die weitgehende Entschwefelung der Kraftstoffe und die verbindliche Einführung der Katalysatoren in unseren Autos. Dies hat tatsächlich zu einer deutlichen Verringerung des Säureeintrages in unsere Wälder geführt, allerdings sind die Einträge an Stickoxidverbindungen kaum zurückgegangen. So bleibt doch noch immer eine relativ hohe Belastung.

Die Waldschäden haben sich inzwischen "verstetigt". Heute sind es auch weniger die Nadelbäume, sondern besonders die Laubbäume, die deutliche Beeinträchtigungen aufweisen. Die Befürchtungen zu Beginn der 80er-Jahre, dass sich eine akute Katastrophe mit großflächigem Absterben ganzer Wälder entwickeln könnte, sind aber glücklicherweise nicht eingetreten. Damit hat sich auch der Schwerpunkt der Forschungstätigkeit verschoben:

Man sieht heute die größte Gefahr in einer dauerhaft wirksamen, immer tiefer reichenden Versauerung der Waldböden. Das klingt zunächst nicht sehr dramatisch, ist aber eine über Jahrzehnte und Jahrhunderte zunehmende Gefährdung der Böden - mit Konsequenzen nicht nur für die Wälder, sondern besonders auch für das Trinkwasser. Denn viele Waldböden sind bereits heute so "sauer", dass sich aus den Böden Bestandteile (Aluminium-Ionen) lösen, die in der gelösten Form stark giftig sind - für Pflanzen, Tiere und auch für den Menschen. Es werden daher auch heute noch so genannte "Kompensations-Kalkungen" durchgeführt, um die weiter fortschreitende Versauerung zu stoppen und teilweise auch wieder rückgängig zu machen.

Man kann auch nicht sagen, dass es die neuartigen Waldschäden heute nicht mehr gibt. Aus der akuten Erkrankung ist sozusagen eine chronische Vergiftung geworden, die im Übrigen nicht erst in den 70er-Jahren begann, sondern letztlich schon vor über 100 Jahren mit der Industrialisierung und der damit verbundenen Verbrennung von Kohle und Erdöl. Ob es in Zukunft wieder zu neuen "Erkrankungsschüben" unserer Wälder kommen wird, lässt sich heute nicht abschließend beantworten. Vieles hängt davon ab, ob die Bäume zusätzlichen Stressfaktoren ausgesetzt werden - zum Beispiel durch häufig auftretende und sehr lange sommerliche Trockenperioden oder durch insgesamt abnehmende Niederschläge. 

Rainer Schretzmann, aid |

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