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Recht auf Mitarbeit für ältere Menschen

Ältere Menschen bauen Hühnerstall
Günther Ulber

Eine Untersuchung an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde zeigt, wie die Beteiligung von älteren Menschen in einem landwirtschaftlichen Betrieb gelingen kann.

Die demografische Alterung Deutschlands ist eine Herausforderung für Gesellschaft und Politik. Es wird nach neuen Strategien gesucht – für die Alterssicherungssysteme, die Beschäftigungspolitik, das Wohnen und die Versorgung im Alter. Dabei zeigt sich das Bedürfnis, im Alter ein mitverantwortliches Leben zu führen, als charakteristisch für ältere Menschen (Kruse u.a. 2012). Im Kontext einer multifunktionalen Landwirtschaft machen Landwirte zunehmend auch Angebote in den Bereichen Gesundheit, Beschäftigung, Bildung und Therapie (van Elsen 2013). Eine Zielgruppe sind ältere Menschen. Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe, die in Deutschland Angebote speziell für alte Menschen machen, ist noch vergleichsweise gering (Delling 2010).

Bachelorarbeit

Vor diesem Hintergrund analysierte die Bachelorarbeit an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde beispielhaft den „Alter(s)garten“ auf dem Birkenhof im Siegerland. Der Birkenhof bietet älteren Menschen die Möglichkeit, gemeinschaftlich zu wohnen und sich durch freiwillige Mitarbeit am Hofgeschehen zu beteiligen. Der Hof ist im Eigentum eines Trägervereins und wird von einer Betriebsgemeinschaft bewirtschaftet. Auf dem Hof leben derzeit 20 jüngere Menschen, darunter drei Familien, Angestellte, Auszubildende und Praktikanten. Im Altenteil, der auf dem Birkenhof Altersgarten genannt wird, wohnen seit 2012 zehn ältere Menschen im Rentenalter – die Altersgärtner. Mithilfe leitfadengestützter Interviews wurden neun Hofleute und acht Altersgärtner befragt.

Beteiligungskonzept

Ältere Männer pflanzen einen Baum
Gemeinsam anpacken macht Freude.

Im Beteiligungskonzept sind mehrere Prinzipien verankert. Das sogenannte „Recht auf Mitarbeit“ spielt dabei eine zentrale Rolle. Damit ist gemeint, dass die Altersgärtner Arbeitsprozesse auf dem Hof unterstützen oder eigene Tätigkeiten initiieren können. Sie haben also das Recht, aber nicht die Verpflichtung sich auf dem Hof durch freiwillige Tätigkeiten einzubringen.

Die Untersuchungsergebnisse zeigen auf, dass die verschiedenen Aspekte des Beteiligungskonzepts als stimmig erlebt werden. Die Mitarbeit der Älteren wird von den Landwirten als Erleichterung und Bereicherung wahrgenommen. Die Altersgärtner erleben keine Zurückweisung, wenn sie ihre Mitarbeit anbieten. Das Gefühl willkommen zu sein, ermutigt dazu, sich auch zukünftig aktiv einzubringen. Von den Altersgärtnern wird kein bestimmtes Maß an Mitarbeit erwartet. Um dennoch zu vermeiden, dass sich die Älteren durch starke Beteiligung anderer Altersgärtner oder die Geschäftigkeit der Landwirte unter Druck gesetzt fühlen, ist es wichtig, dass jeder seinen Rückzugsbereich hat und sich vom Hofgeschehen abgrenzen kann.

Ehrenamtliche Mitarbeit

Die Tätigkeiten werden nicht entlohnt. Damit soll verhindert werden, dass einige Aktivitäten als wertvoller wahrgenommen werden als andere. Auch soll deutlich werden, dass die ehrenamtliche Mitarbeit der Älteren keine bezahlten Arbeitskräfte ersetzt. Erfolgte Zusagen der Altersgärtner, sich durch Mitarbeit bei konkreten Aufgaben zu beteiligen, sind verbindlich. So können die Landwirte die zusätzliche Unterstützung einplanen und sich darauf einstellen.

Gewinn für alle

Auf dem untersuchten Betrieb betonen sowohl die Hofleute als auch die Altersgärtner ihre Zufriedenheit mit der Gesamtsituation. Aus Sicht der Hofleute bringen die Älteren eine andere Energie auf den Hof und machen das Zusammenleben reicher. Mit ihrer Hilfe können einige Arbeitsspitzen entzerrt werden. Das große Hoffest gelingt vor allem durch die tatkräftige Unterstützung der Altersgärtner. Außerdem gestalten sie mit ihren Ideen und Eigeninitiativen den Hofalltag. Einige führen regelmäßig Schulklassen über den Hof, andere erneuerten die Homepage, es wurden Hühner zur Hobbyhaltung angeschafft und einiges mehr.

Die Altersgärtner schätzen die Lebendigkeit auf dem Hof. Die enge Verbindung mit der Natur und den Mitmenschen erleben sie als anregend. Für die Älteren bietet der landwirtschaftliche Betrieb vor allem auch eine Möglichkeit, sich sinnvoll zu betätigen.

Die identifizierten Faktoren für das Gelingen der Mitarbeit lassen sich verschiedenen Bereichen zuordnen (s. Abbildung):

Gute Vorbereitung

 Es zeigte sich, dass vor allem die intensive Vorbereitungsphase für das Gelingen des Projektes und das spätere Engagement der Altersgärtner entscheidend war und ist. Bevor das Angebot ersten Interessenten vorgestellt wurde, erarbeiteten die aktiven Landwirte gemeinsam mit einem engagierten Unterstützerkreis ein umfangreiches Konzept.

In darauffolgenden Treffen setzten sich Initiatoren und interessierte Ältere intensiv mit dem Konzept auseinander. Hierbei wurde auch überprüft, inwieweit die individuellen Vorstellungen und Erwartungen miteinander vereinbar sind. In diesem Prozess fanden zahlreiche Interessenten für sich heraus, dass das Projekt für sie nicht passt. Jene, die sich dann für das Angebot entschieden, identifizierten sich meist stark – sowohl mit dem Hof als auch dem Projekt. Diese Identifikation zeigt sich im weiteren Verlauf als Grundlage für Zufriedenheit und die Motivation der Altersgärtner, sich auf dem Hof einzubringen.

Bereiche der Erfolgsfaktoren
Bereiche der Erfolgsfaktoren
 

Vielfältige Hofstruktur

 Die große Vielfalt an Betriebszweigen eröffnet den Älteren eine Vielzahl an Betätigungsfeldern. Neben der Milchviehhaltung werden auch Schweine und Hühner gehalten. Es gibt Acker- und Gemüsebau, Streuobstwiesen sowie einen Hofladen, eine Bäckerei, ein Hofcafé und eine Milchverarbeitung. Darüber hinaus gibt es Aufgaben, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem Betriebsalltag stehen. Zum Beispiel das Hüten der Hofkinder oder Unterstützung beim Essen kochen. Die Altersgärtner können entsprechend ihrer persönlichen Interessen und Fähigkeiten wählen, welche Aufgaben sie übernehmen. Auch was die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit betrifft, bietet das Spektrum an unterschiedlich anspruchsvollen Aufgaben die Möglichkeit, dass jeder Altersgärtner eine Betätigung findet, die seinen Ressourcen entspricht.

Kommunikation

Nicht zuletzt ist das Zusammenspiel zwischen Altersgärtnern und Hofleuten wichtig. Da die Landwirte einen guten Überblick darüber haben, was zu tun ist, und die Älteren wiederum ihre eigenen Fähigkeiten, Interessen und Kapazitäten kennen, ist die Kommunikation zwischen ihnen erforderlich. Am Birkenhof wird eine gut sichtbare Tafel genutzt, um anstehende Aufgaben zu kommunizieren. Zufällige oder gezielte Begegnungen im Alltag und die zunehmende Vertrautheit zwischen Altersgärtnern und Hofleuten erleichtern den Austausch.

Gartenrunde; Menschen sitzen im Kreis
Begegnungen im Alltag erleichtern den Austausch zwischen Altersgärtnern und Hofleuten.

Lange Vorbereitungsphase

Wer ein solches Projekt aufbauen will, sollte eine lange arbeitsintensive Vorbereitungsphase einplanen. Die Konzeption des Angebotes, die Planung und Umsetzung der altersgerechten Wohnungen sowie das Finden einer passenden Gruppe erfordern Zeit und Engagement. Darüber hinaus ist eine solide Finanzierung essenziell. Vor dem Hintergrund der Komplexität eines solchen Projekts ist zu empfehlen, dass sich schon in der Vorbereitungsphase ein tatkräftiger Kreis von Menschen bildet, der die Landwirte in der Planung und im Projektverlauf engagiert unterstützt.

Vernetzung notwendig

Für die Initiatoren und die Bewohner des Birkenhofes haben sich die Anstrengungen gelohnt. Das Miteinander der Generationen in einer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft wird von allen Bewohnern als große Bereicherung empfunden. Um von diesem und weiteren landwirtschaftlichen Projekten für und mit älteren Menschen lernen zu können, ist eine Vernetzung von Initiativen und eine Intensivierung des Austauschs von Erfahrungswissen in Deutschland und international unabdingbar.

Informationen zum Zertifikat Soziale Landwirtschaft an der HNEE s. B&B Agrar 2-2016, S. 24 f.

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Autorinnenfoto Franziska Scharf
privat

Die Autorinnen

Franziska Scharf

Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), www.hnee.de

Autorinnenfoto Dr. Marianne Nobelmann
privat

Dr. Marianne Nobelmann

Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), www.hnee.de

Autorinnenfoto Heike Delling
privat

Heike Delling

Doktorandin Justus-Liebig-Universität Gießen

Literatur

Scharf, F. (2015):

Analyse fördernder und hindernder Faktoren für die freiwillige Mitarbeit älterer Menschen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb am Beispiel des Birkenhofs.

Bachelorarbeit, Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde.

Delling, H. (2010):

Was hat der Lernort Bauernhof mit sozialen Dienstleistungen zu tun?

In: BAGLoB, LJA und Hochschule Vechta (Hrsg.): Wissenschaftliche Fundierung des Lernens auf dem Bauernhof. 1. Fachtagung der Wissenschaftsinitiative zum Lernort Bauernhof, 10. - 12. Juni 2010, Altenkirchen (Ww.).

Kruse, A., Bruttel, O., Heinze, R., Köcher, R. (2012):

Generali Altersstudie 2013. Wie ältere Menschen leben, denken und sich engagieren.

Originalausg. Frankfurt a. M.: Fischerverlag.

van Elsen, T., Kalisch, M. (2013):

Witzenhäuser Positionspapier zum Mehrwert Sozialer Landwirtschaft. Forderungen zur Förderung der Sozialen Landwirtschaft in Deutschland an Entscheidungsträger in Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit.

Witzenhausen. In: Limbrunner, A., van Elsen, T. (Hrsg.): Boden unter den Füßen. Grüne Sozialarbeit – Soziale Landwirtschaft – Social Farming. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.