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Satt haben versus satt machen

...“same procedure as every year”könnte man zur Internationalen Grünen Woche in Berlin sagen. Von Schuldzuweisungen, übereinander und miteinander reden von Verbrauchern, Landwirten und Handel

Fronten rund ums Essen

(aid) – “same procedure as every year”könnte man zur Internationalen Grünen Woche in Berlin sagen. Auch die gegenseitigen Schuldzuweisungen, warum die Lebensmittel zu billig sind, Hühnern noch immer die Schnäbel kupiert werden oder weshalb die Agrarfördergelder nicht gerechter verteilt werden. Wobei es von „gerecht“ hunderte Varianten gibt, je nachdem, wen man fragt. Ginge es bei dieser weltweit größten Messe dieser Art nicht um Lebensmittel, sondern um Kunstgegenstände, Kfz-Teile oder die neuesten Entwicklungen der Regalbodenbranche, würde das – mit Verlaub – nur wenige interessieren und Diskussionen würden nur im engen Kreise einiger Fachleute stattfinden. Lebensmittel aber sind emotional besetzt und da jeder täglich zum Essen und Trinken neigt, kann auch jeder mitreden oder hat zumindest eine Meinung. Des Verbrauchers Stimme schwingt also immer mit.

Am besten erkennt man das an den jährlichen Demonstrationen. Und deren gibt es zwei. Eine große: „Wir haben es satt“ und eine kleinere: „Wir machen Euch satt“. Die Initiatoren der großen sind zahlreich von BUND über die Ökoverbände, Tierschutzbund, Slow Food bis attac. Auf den Plakaten war in diesem Jahr viel zu lesen von genereller Ablehnung von Massentierhaltung und des geplanten EU-Freihandelsabkommens TTIP mit den USA. Genauso wie Forderungen für mehr Tierwohl und stärkerer Berücksichtigung von ökologischen Aspekten. Allerdings ging es auch um politische Forderungen, Bienensterben, Ex- und Importe von Schweinefleisch und und und. Alles berechtigt, denn das Recht zu demonstrieren ist ein hohes Gut. Und einig ist sich fast jeder im Kern. Wer will schon beispielsweise ein Stück Fleisch auf dem Teller, das von einem unglücklichen, mit Antibiotika-Spritzen gesund gehaltenem aber nie die Sonne erblickten Schwein auf dem Teller haben? Da vergeht einem ja der Appetit. Wenn man jedoch tiefer in die Materie eindringt und sich mit der Lebensmittelerzeugung fachlich und intensiv auseinandersetzt, merkt man schnell, wie schwierig oder besser unmöglich eine schwarz/weiß-Zeichnung ist.

Daher sagen die Initiatoren der Demo „Wir machen Euch satt“, dass eine gesellschaftliche Vorverurteilung bäuerlicher Familienbetriebe keine Lösung ist und fordern Verständnis ein. Auch das ist selbstverständlich völlig richtig. Betrachtet man aber Zahlen, sieht man, wie stark der Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe ist. Waren es 1995 noch 588.000, sind es nach den aktuellen Zahlen aus 2014 gerade noch 285.000. Zum Vergleich: Allein in Westdeutschland gab es 1970 noch sage und schreibe 1,15 Millionen Betriebe. Die landwirtschaftlichen Flächen pro Betrieb steigen indes. 1995 hatten 12.000 Betriebe mehr als 100 Hektar zur Verfügung und 2014 waren das schon 26.000. Ist das nun ein Indiz für die sogenannte Massentierhaltung oder Agrarfabriken? Oder ist es vielmehr so, dass sich die Betriebe vergrößern müssen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen? Schließlich ist der Milchpreis im konventionellen Betrieb seit Monaten im Keller mit gerade einmal 26 Cent/Liter. Ähnlich desaströs ist es mit dem Preis für Schweinefleisch. Bei den entsprechenden Betrieben ist die Lage teils existenziell und keinen Insider würde es wundern, wenn die nächste Zählung der bäuerlichen Betriebe wieder einen enormen Rückgang ergibt.

Das ist natürlich nur ein kleiner Ausschnitt des gesamten Meinungsdilemmas. Tatsache aber ist, dass ein Verbraucher das so überhaupt nicht überblicken kann, wenn er nicht haargenau über alle Zusammenhänge Bescheid weiß. Selbst die Experten sind sich ja uneins, wie es mit unserer hiesigen Landwirtschaft im globalen Geschäft weitergeht. Tatsache Nummer zwei ist, dass die Lebensmittelpreise in Deutschland viel zu niedrig sind. Vor allem für konventionell erzeugte Produkte. Ein englischer oder französischer Tourist geht in Deutschland in einen Bio-Laden und zahlt für seinen Gesamteinkauf genauso viel wie in seinem Heimatland für Nicht-Bio-Ware. Und ein wenig Rechnen hilft schon, wenn man sich fragt, wieviel ein Landwirt noch kriegen kann, wenn das Hackfleisch für 1,59 Euro/Pfund im Sonderangebot ist. Das kann nur unwirtschaftlich sein.

Aber ich kann als Konsument weder ständig beim Bauern um die Ecke direkt einkaufen (sofern ich überhaupt einen kenne) noch im Supermarkt an der Kasse einfach drei Euro „Bauerngeld“ hinterlassen. Der Handel ist hier wie die Weiterverarbeiter (Schlachterei, Molkerei, etc.) ebenso in der Pflicht, keine absurden Abnahmepreise zu nehmen und dem Konsumenten auch Ware anzubieten, von der alle Beteiligten leben können. Ein Miteinander ist also gefragt. Das hilft in jedem Falle mehr als nur übereinander zu reden.

Und als Verbraucher hin und hergerissen von verschiedenen Strömungen, Meinungen und Sonderangeboten kann man auch das Seine tun: Möglichst bewusst einkaufen. Saisonal und Regional macht als Faustregel immer Sinn.

Harald Seitz, www.aid.de

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