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Tierschutz-Kennzeichnung

Zwei Drittel der Verbraucher würden mehr für Fleisch aus artgerechter Tierhaltung bezahlen. Doch bisher gibt es kein verbindliches Tierschutzsiegel, das Transparenz und Orientierung schafft.

Schwein
Peter Meyer, aid

Der hohe Fleischkonsum in Deutschland ist ungebrochen, doch in Sachen Tierschutz findet ein Umdenken statt: Immer mehr Verbraucher wünschen sich Fleisch und Fleischprodukte von Tieren, die artgerecht gehalten und geschlachtet wurden. Dafür sind sie bereit, deutlich mehr zu bezahlen.

Artgerecht und tierschutzgerecht - was bedeutet das?

Bislang sind die Begriffe „artgerecht“ und „tierschutzgerecht“ gesetzlich nicht geschützt und dürfen verwendet werden, solange sie nicht gegen gesetzliche Vorgaben verstoßen. Für die Haltung von Nutztieren hat der Gesetzgeber zahlreiche Vorgaben an die Züchtung, Haltung, medizinische Behandlung, Transport und Schlachtung von Tieren gemacht. Sie zielen darauf ab, dass ein Tier seinen Bedürfnissen entsprechend gehalten und unnötiges Leid sowie Umweltbelastungen vermieden werden.

Kritische Stimmen beanstanden bereits seit langem, dass die bestehenden gesetzlichen Anforderungen an den Schutz von Nutztieren hinsichtlich vieler Aspekte unzureichend sind. Aufnahmen aus Ställen von gequälten Legehennen und Mastschweinen, die Missstände dokumentieren, verunsichern den Verbraucher zusätzlich.

Initiative Tierwohl des BMEL

Die Tierwohl-Initiative des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft wurde im Oktober 2014 unter dem Motto „Eine Frage der Haltung – Neue Wege für mehr Tierwohl“ ins Leben gerufen. Sie umfasst einen Kompetenzkreis aus 17 Experten aus Praxis, Wissenschaft und verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Erklärtes Ziel der Initiative ist es, sowohl durch freiwillige Vereinbarungen als auch mit gesetzlichen Regelungen für mehr Tierschutz Sorge zu tragen. Im September diesen Jahres wurde der Abschlussbericht präsentiert, u.a. mit diesen Ergebnissen für die Nutztierhaltung: der Ausstieg aus dem Schnäbelkürzen und die Beendigung der Kleingruppenhaltung bei Legehennen, die Etablierung einer internationalen Tierschutzplattform zum Erfahrungs- und Informationsaustausch sowie die Erarbeitung eines staatlichen Tierwohl-Labels.

Bio-Fleisch ist Fleisch aus artgerechter Tierhaltung

Höhere Tierschutzstandards gibt es bereits bei Bio-Fleisch. Insbesondere Öko-Verbände wie Bioland, Naturland und Demeter achten auf eine artgerechte Haltung und gehen weit über die Vorgaben für EU- Bio-Produkte hinaus. Eine überverbandliche Tierwohl-Checkliste der drei Verbände dient dazu, die gute Tierhaltung zu gewährleisten, zu kontrollieren und weiter zu verbessern.
Insgesamt ist das Angebot an Bio-Fleisch jedoch noch sehr gering, die Auswahl entsprechend klein und somit für den Verbraucher nur mäßig attraktiv. Zudem ist Bio-Fleisch teurer und liegt über dem Preisniveau, das viele Verbraucher bereit sind zu bezahlen.

EU-Bio-Siegel
Alle verpackten Bio-Lebensmittel müssen das EU-Bio-Logo tragen. Es signalisiert, dass das jeweilige Produkt gemäß der EG-Öko-Verordnung hergestellt wurde. Das Zeichen kann mit grafischen Elementen oder Textelementen, die auf den ökologischen Landbau Bezug nehmen, kombiniert werden. Unter dem Bio-Logo muss die Codenummer der zuständigen Kontrollstelle angegeben werden.

 

 

Staatliches Bio-Siegel
Die Kennzeichnung eines Lebenmittels mit dem staatlichen Bio-Siegel sagt aus, dass die Standards der EG-Öko-Verordnung eingehalten werden. Die Nutzung des Siegels ist freiwillig, die Einzelheiten regeln das Öko-Kennzeichengesetz und die Ökokennzeichen-Verordnung.

 

Logo Naturland
Naturland ist international tätig und mit über 50.000 Mitgliedern einer der größten Anbauverbände. Naturland verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem das Tierwohl neben dem Schutz von Mensch und Natur eine grundsätzlich hohe Bedeutung hat.
Logo Bioland
Bioland e.V. gehört mit über 6.000 Mitgliedern und Partnern zu den größten Verbänden für ökologischen Landbau in Deutschland. Gewirtschaftet wird nach den sieben Bioland-Richtlinien. Dazu gehört auch die artgerechte Tierhaltung mit deutlich besseren Haltungsbedingungen.
Logo demeter
Demeter ist ein international tätiger Anbauverband. Die ca. 8.000 angeschlossenen Betrieben verpflichten sich sehr strengen Richtlinien basierend auf den Grundsätzen des Anthroposophen Rudolf Steiner. Für die Tierhaltung bedeutet dies, dass die Nutztiere sich ihrem Wesen nach verhalten können.

Weitere Tierschutz-Siegel und Label

Da ein staatliches oder EU-weites Siegel bislang nicht existiert, haben einige Initiativen, Vereine, der Handel und Erzeuger eigene Tierschutz-Label oder Kundeninformationen ins Leben gerufen:

Tierschutzbund "Für mehr Tierschutz"

Tierschutzsiegel des Deutschen Tierschutzbund
Label des Deutschen Tierschutzbundes

Dieses Label wurde 2011 vom Deutschen Tierschutzbund eingeführt und wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterstützt. Es kennzeichnet Produkte tierischen Ursprungs, bei denen Tierschutzstandards zugrunde liegen, die wesentlich strenger als die gesetzlichen sind. Das Label besteht aus einer Einstiegsstufe mit verbindlichen Grundanforderungen und einer Premiumstufe mit sehr hohen Anforderungen an tiergerechte Haltung, Transport und Schlachtung. Das zweistufige System soll den Markteinsteig für möglichst viele Betriebe erleichtern.
Der Tierschutzbund versteht das Label ausdrücklich nicht als Werbung für den Konsum von Fleisch und Fleischprodukten, sondern er will den Verbraucher beim Einkauf darin unterstützen, für mehr Tierschutz einzustehen.

Vier Pfoten "Tierschutz-kontrolliert"

Tierschutzsiegel der Organisation Vier Pfoten
Label der Organisation Vier Pfoten

Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten hat ihr zweistufiges Gütesiegel „Tierschutz-kontrolliert“ 2012 ins Leben gerufen, um die Lebensbedingungen von landwirtschaftlichen Nutztieren nachhaltig zu verbessern. Mit der Zertifizierung für das Label verpflichten sich die teilnehmenden Betriebe, Standards zum Schutz der Tiere einzuhalten, die weit über den gesetzlichen Vorgaben für die konventionelle Tierhaltung liegen. Der Verbraucher soll auf diese Weise für einen bewussteren Konsum informiert und sensibilisiert werden.

Neuland

Siegel Neuland
Neuland Siegel

Der NEULAND-Verein für tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung e.V. wurde 1988 in Bonn gegründet. Er hat ein Markenprogramm für Fleisch aus besonders artgerechter und umweltschonender Tierhaltung etabliert: Neuland knüpft nicht an die Öko-Programme von Anbauverbänden wie Demeter oder Bioland an, verzichtet jedoch auf Gentechnik und den Einsatz von Antibiotika. An die Haltung der Tiere sind strenge Richtlinien geknüpft, die wesentlich höher als die gesetzlichen Standards sind. Mit Produktkontrollen durch den Deutschen Tierschutzbund setzt Neuland auf eine hohe Qualität des Fleisches sowie Glaubwürdigkeit hinsichtlich des Tierschutzes.

 

Initiative Tierwohl des Handels

Siegel Initiative Tierwohl
Kundenhinweis über die Teilnahme des Geschäftes an der Initiative Tierwohl

Dieses Initiative ist nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Initiative des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Die Initiative Tierwohl ist eine Kooperation der Land- und Fleischwirtschaft mit dem Lebensmitteleinzelhandel. Finanziert wird die Initiative Tierwohl vom teilnehmenden Lebensmitteleinzelhandel. Die beteiligten Handelsunternehmen zahlen pro verkauftem Kilogramm Schweine- und Geflügelfleisch und -wurst 4 Cent an die Initiative. Mit diesem Geld werden Tierhalter für die Umsetzung von Tierwohlmaßnahmen unterstützt.

Lebensmitteleinzelhändler informieren mit dem abgebildeten Symbol über ihre Teilnahme an der Initiative im Geschäft. Und auch auf Verpackungen können Kunden Hinweise zur Initiative Tierwohl finden. Das bedeutet, dass das Geschäft die Initiative Tierwohl finanziell unterstützt. Es bedeutet aber nicht, dass das einzelne Produkt auch tatsächlich aus einem an der Initiative Tierwohl teilnehmenden Betrieb stammt. Bei diesem Label wird Kritik laut, dass die Tierschutz-Vorgaben nur gering über den gesetzlichen Vorgaben liegen. .

 

Tier-Leasing - Fleisch vom Hof des Vertrauens

Schweine

Beim Tier-Leasing, auch Lohnmast genannt, erhält der Verbraucher Fleisch aus artgerechter Tierhaltung - mit voller Kontrolle von der Geburt bis zur Schlachtung. Das Prinzip ähnelt einer Patenschaft für ein Nutztier: Der Kunde kauft zunächst sein eigenes Ferkel oder Kalb. Er zahlt bis zu seiner Schlachtung eine monatliche Gebühr. Dafür wird das Tier vom Bauern großgezogen und rundum versorgt. Das geschlachtete Tier gehört dann vollständig dem Kunden.

Angeboten wird dieses Konzept in der Regel nur von kleinen Bauernhöfen, oftmals handelt es sich um Bio-Höfe, die ein hohes Bewusstsein für eine artgerechte Haltung vertreten. Der Vorteil für den Landwirt liegt in der finanziellen Planbarkeit. Der Kunde wiederum kann das Großwerden seines Tieres jederzeit vor Ort verfolgen, sich persönlich von den Haltungsbedingungen überzeugen und den genauen Schlachttermin bestimmen. Der Kilopreis für das Fleisch ist im Schnitt nur geringfügig höher als das Fleisch aus dem Einzelhandel.

Fazit

Bislang existiert kein staatlich eingeführtes Tierschutz-Label, das, ähnlich dem Bio-Siegel, dem Verbraucher verlässliche und transparente Kriterien für einen bewussten Einkauf von Fleisch und Fleischprodukten mitgibt. Im Zuge der Initiative-Tierwohl des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft soll ein solches Siegel jedoch erarbeitet werden.

Verbraucher, die gezielt Fleisch von Tieren aus artgerechter Haltung kaufen möchten, müssen sich selbstständig umfassend informieren und die Standards verschiedener Anbieter von Tierschutz-Siegeln kritisch vergleichen. Zudem ist Fleisch aus Betrieben mit artgerechter Tierhaltung bislang nur in wenigen Geschäften erhältlich. Es braucht also schon etwas Eigeninitiative, z.B. nach Recherche im Internet, um einen direkt vermarktenden Landwirt zu finden.

Bis der Verbraucher an jeder Theke zwischen konventionell erzeugtem Fleisch und Fleisch aus artgerechter Tierhaltung frei wählen kann, wird noch Zeit vergehen. Gefordert sind hier zum einen die Produzenten, die Nachfrage der Verbraucher nach artgerecht produziertem Fleisch zu bedienen. Zum anderen muss dem Verbraucher Orientierung und Transparenz für den Einkauf an die Hand gegeben werden. Wenn ein Tierschutz-Siegel kommen sollte und Erfolg haben soll, erfordert das umfassende Kampagnen, um zu informieren und Vertrauen zu schaffen.

Wer sich für mehr Tierschutz beim Fleischkonsum einsetzen möchte, ist bereits jetzt mit dem Kauf von Bio-Fleisch bestens bedient. Der deutlich höhere Preis lässt sich durch die Reduzierung des Verzehrs kompensieren - so wird zusätzlich die Umwelt geschützt.

Autorin: Verena Dorloff, Bonn |

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