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Wenn der Stall geschlossen wird

Stall
landpixel.de

Wie ist die Beziehung zwischen Mensch und Tier innerhalb der Landwirtschaft? Sind Tiere nur Objekte oder gibt es doch auch Anhaltspunkte für eine innere Bindung? Ein Gespräch mit Landwirten.

Anders als im Ackerbau verlangt die Tierhaltung das ganze Jahr über die volle Aufmerksamkeit des Landwirts. Der regelmäßige Kontrollgang durch den Stall ist in der Milchviehhaltung schon durch das zweimal tägliche Melken gegeben. Aber selbst dort, wo der Melkroboter Einzug gehalten hat, oder auch in der Sauenhaltung ist das Leben der Tiere ständige Herausforderung für den Landwirt: Sein geschultes Auge erkennt erste Anzeichen auf mögliche Krankheiten, das Wohl der einzelnen Tiere ist immer im Blick zu behalten – beim Füttern, Tränken und Umstallen. Diese ständige geistige und körperliche Präsenz, die rund ums Tier notwendig ist, kann auch als Einengung der individuellen Freiheit verstanden werden. Von daher sind Betriebe, die den Tierbestand aufgegeben haben, zunächst tatsächlich freier.

Befreiungsschlag?

Es entfällt nicht nur die Arbeit im „stinkigen Stall“, sondern es lösen sich auch bestimmte Sachzwänge auf, mit denen sich landwirtschaftliche Betriebsleiter arrangieren mussten: zum Beispiel ständig schwankende Preise, die Marktmacht des Handels, die Bedürfnisse der Verbraucher, die zeitliche und körperliche Arbeitsbelastung oder der betriebswirtschaftliche Erfolg. Die Aufgabe der Tierhaltung ist ein tiefer Einschnitt in der Biografie eines Landwirts. Es wird Bilanz gezogen: Wie viel hat man investiert, wie viel hat man gewonnen oder unter Umständen noch draufgezahlt? Rund ums Jahr, morgens und abends, oftmals nachts, am Sonnoder Feiertag, selbst gesundheitlich angeschlagen ging es in den Stall, weil die Arbeit gemacht werden musste. Die Tiere gingen vor. Mit der Entscheidung, die Tierhaltung aufzugeben, kommt häufig der ganze Frust der Vergangenheit noch einmal hoch: Der betroffene Landwirt spürt förmlich, dass die Freiheit, die er sich nun geschaffen hat, auch Zeugnis ist von vergangener Unfreiheit. Daher mischen sich auch Bitterkeit und manchmal sogar Verzweiflung in die Rückschau.

Zukunftsperspektiven?

Mit der Aufgabe der Tierhaltung erhält der Landwirt zwar einen größeren Spielraum für die künftige Betriebs- und Lebensgestaltung, zunächst wird der leere Stall jedoch als Verlust wahrgenommen: Verlust der eigenen betrieblichen Arbeitsverantwortung und Entscheidungskompetenz, einer sinnvollen Arbeitsgestaltung, einer geregelten Lebensordnung, die ein eng getakteter Tages-, Monats-, Jahresablauf vorgegeben hatte. Erfolg und Misserfolg, die betriebliche Zukunft waren eng mit dem Leben im Stall verbunden. Ein dauerhaft leerer Stall wird dagegen als Ausdruck von fehlender Zukunftsperspektive wahrgenommen. Umso mehr erleben Landwirte dies, wenn Berufskollegen in der Nachbarschaft noch ihrem geregelten Stallgang nachgehen: Dort ist Leben, dort ist Zukunft – deutlich erkennbar mit jeder Ein- und Ausfahrt des Milchtanklasters, auch am Besuch des Tierarztes oder an der Abfahrt des mit Schweinen beladenen Autoanhängers.

Mit zunehmendem zeitlichem Abstand wächst jedoch die Distanz zum Stall und zur damit verbundenen Tierhaltung. Man gleitet in einen neuen Lebensrhythmus hinein, findet neue Arbeitsschwerpunkte, ob innerbetrieblich oder auch außerlandwirtschaftlich, findet vielleicht sogar Freiräume für persönliche Gelassenheit und Muße, anderes zu tun. Die Wut und Enttäuschung, die mit der Betriebsaufgabe gegenüber Politik und Marktgegebenheiten verbunden waren, schwinden zugunsten einer realistischen Bestandsaufnahme. Der Blick auf die Berufskollegen, die den Stall weiterhin im Zentrum ihres Betriebsgeschehens sehen, wird nüchterner. Vielleicht stellt sich sogar eine neue Form von Lebensqualität auch ohne landwirtschaftliche Nutztierhaltung ein. Vielleicht kommt auch die Anfrage eines benachbarten Landwirts, den leer stehenden Stall für Jungvieh oder eine Gruppe Mastschweine nutzen zu dürfen. Der Zustimmung kann dann die erleichterte Feststellung folgen: „Jetzt ist ja doch auch wieder Leben im Stall.“

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Der Autor

Dr. Clemens Dirscherl

Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg, Waldenburg- Hohebuch Mitglied in der Deutschen Tierschutzkommission, im Kompetenzkreis Tierwohl des Bundeslandwirtschaftsministeriums und im Beirat der Tierwohlinitiative