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Zugewanderte Schüler zum Lernen motivieren

Ein Junge bei der Gartenarbeit
Regina Fuhrmann

Was können Lehrkräfte tun, um geflüchteten jungen Menschen das An- und Weiterkommen im deutschen Ausbildungssystem zu erleichtern?

Da sitzen sie nun im Klassenraum, die jungen, zumeist männlichen und überwiegend unbegleiteten Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Pakistan oder Eritrea. Grüner Nachwuchs von morgen? Angesichts eines sich verstärkenden Bewerbermangels für grüne Ausbildungsberufe erscheint die Aussicht verlockend: warum nicht geflüchteten Menschen eine Perspektive in diesem handlungsorientierten Berufsfeld aufzeigen? Aber geht die Rechnung so leicht auf?

Willkommensklassen

Auf Zuweisung der zuständigen Senatsverwaltung lernen die 15- bis 20-jährigen Flüchtlinge seit Oktober 2015 an der Peter-Lenné-Schule in mittlerweile zehn Willkommensklassen, davon seit November 2016 zwei berufsqualifizierende Lehrgänge, für die zusätzlich ein Willkommenslotse als Schnittstelle zu den beteiligten Betrieben angestellt wurde. Unter dem Dach des Oberstufenzentrums Natur und Umwelt sind viele verschiedene Schultypen, die zum Berufsfeld Agrarwirtschaft gehören, zusammengefasst. Am Anfang ihrer Schullaufbahn an der Agrarschule stand für die nunmehr rund 120 neu zugewanderten Schüler/-innen – dies entspricht etwa 10 Prozent aller Schülerinnen und Schüler am OSZ Natur und Umwelt – ein Spracheinstufungstest. In regelmäßigen Abständen (ca. alle zwei Monate) werden diese erneut durchgeführt, um die Gruppen gegebenenfalls neu zusammenzustellen.

Deutsch als Zweitsprache

 Für das Fach „Deutsch als Zweitsprache“, das wöchentlich im Umfang von etwa 20 bis 22 Stunden unterrichtet wird, wurden an der Peter-Lenné-Schule weitere Lehrkräfte eingestellt. Zusätzlich gibt es etwa je zwei Stunden Sport- und Mathematikunterricht sowie nach Möglichkeit einmal in der Woche eine Exkursion. Ziel des Unterrichts ist es, die Lernenden möglichst innerhalb eines Schuljahres auf das Sprachniveau A2 oder B1 zu bringen, um für die anschließende berufsspezifische Fachsprache ausreichend gewappnet zu sein. Da eine Vielzahl der Lernenden jedoch erst grundlegend alphabetisiert werden muss, ist für den Spracherwerbsprozess eher von zwei Schuljahren auszugehen. Zwischenzeitlich sind einige neue Lehrwerke auf den Markt gekommen, es bleibt aber zu konstatieren, dass aufgrund der Heterogenität der Lernvoraussetzungen die Lehrkraft in vielen Fällen individuell Material erstellen muss. Die beteiligten Lehrkräfte treffen sich einmal wöchentlich zu einem intensiven Austausch über die Willkommensklassen. 

Manche der jungen Flüchtlinge haben zu Unterrichtsbeginn schon einen zweistündigen Anreiseweg von ihrer Unterkunft in den „grünen Bezirk“ Berlins hinter sich. Sind die Jugendlichen froh und dankbar darüber, nun ihre schulische Bildung fortsetzen oder beginnen zu können? Denken sie an ihre zurückgelassene Heimat und Familie? Welche (beruflichen) Zukunftserwartungen haben sie?

Routinen vergegenwärtigen

Unsicherheit und Ängste treiben auch die Lehrkraft um. Wie wird die sprachliche und kulturelle Verständigung klappen, das soziale Miteinander der Gruppe? Die Einbindung in das bestehende schulische Umfeld? Wie gehe ich mit potenziellen Traumatisierungen, mit Trauer und enttäuschten Hoffnungen um? Bin ich interkulturell kompetent genug?

Daumen hoch
Lehrkräfte spielen eine wichtige Rolle, um die Ausbildungsmotivation der Flüchtlinge zu stärken.

Wichtigster erster Schritt in dieser Situation: Selbstbesinnung und Routinen des eigenen beruflichen Alltags vergegenwärtigen. Den Berufsalltag einer jeden Lehrkraft machen viele Handlungsfelder aus:

  • Feststellung der Lernvoraussetzungen, um die Schüler/-innen genau dort abzuholen, wo sie stehen;
  • Gestaltung eines Adressaten- und handlungsorientierten, aktivierenden und motivierenden Unterrichts, in dessen Rahmen auf Binnendifferenzierung geachtet wird;
  • Planung der im Hinblick auf den anzustrebenden Kompetenzzuwachs passenden Strukturen;
  • Orientierungshilfe für die Lernenden, die ermutigt, aber auch fair gefordert werden sollen;
  • Stärkung der Selbstwirksamkeit, damit die Schüler/-innen intrinsisch motiviert, eigenverantwortlich und fachlich kompetent werden.

Es ist von zentraler Bedeutung, dass sich Lehrkräfte über ihre eigene Zielstellung und über absehbar ambivalente Situationen klar werden. Es hilft, sich kleine Schritte vorzunehmen und erreichte Ziele entsprechend zu würdigen.

Umgang mit Heterogenität

In Willkommensklassen sind die Lernvoraussetzungen vor allem aufgrund der sprachlichen Hürden schwer zu bemessen. Insbesondere bezüglich der Herkunftsländer und sozialen Schichten kombiniert mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Prägungen und Erfahrungen werden Lehrkräfte mit einer großen Bandbreite konfrontiert. Gerade an Berufsschulen ist die Heterogenität der Lerngruppen jedoch keine Ausnahme. So reicht an der Peter-Lenné-Schule die Altersspannweite in einzelnen Ausbildungsklassen von 16 bis 43 Jahre. Und gerade für ein Oberstufenzentrum Natur und Umwelt ist Vielfalt eher Normalität.

Lehrkräfte sollten sich so genau wie möglich Klarheit über die vermeintlichen und tatsächlichen Unterschiede verschaffen, um daraus für den Unterricht die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Schüler/-innen in den Willkommensklassen haben aufgrund ihrer schwierigen Lebensbiografien häufig Gefühle von Kontrollverlust, Orientierungs- und Perspektivlosigkeit entwickelt. Hier ist Beziehungsarbeit notwendig. Erst wenn ein Fundament aus persönlichem Vertrauen und an allgemeines Zutrauen gelegt ist, kann Lernen erfolgreich sein.

Für den Gärtnerberuf werben

Ungeklärte Zukunftsperspektiven, Erwartungen und Möglichkeiten prägen jedoch häufig den schulischen Alltag, das kann nach einer Phase des allseitigen guten Willens Frustration erzeugen. Lernzuwächse stellen sich nur langsam ein, Zusatzangebote wie gärtnerische Praxiselemente oder Sportunterricht werden wenig bis gar nicht angenommen. Die Ursachenforschung sollte an dieser Stelle nicht zu kurz greifen und ohne persönliche Betroffenheit geführt werden.

Praxistipps für Ausbildende

1. Empathie und Authentizität

2. Verbindlichkeit im Umgang

3. Klare Strukturen und Regeln geben Orientierung

4. Keine Angst vor Fettnäpfchen und Konflikten

5. Fördern und fordern

6. Selbstwirksamkeit stärken

7. Offen und flexibel sein für Neues

8. Alles so einfach wie möglich machen, aber nicht banalisieren

9. Unterstützung durch Mentoren/Paten/Netzwerke organisieren

10. Ausdauer, Gelassenheit und Humor

Entsprechende Nachfragen fördern oft zu Tage, dass Gartenarbeit bei vielen Geflüchteten – vor allem wenn sie aus armen ländlichen Regionen stammen – als eine verpönte, weil niedere Tätigkeit angesehen wird. Hier lassen sich Brücken bauen. Anknüpfungspunkte bieten etwa die Herkunft von Pflanzen oder die großen Gelehrten- und Heilertraditionen in der arabischen Welt mit ihren naturwissenschaftlichen Errungenschaften. Da grüne Ausbildungswege und Berufsperspektiven in den Herkunftsländern der geflüchteten Jugendlichen meist unbekannt sind, muss darüber hinaus ganz aktiv und mit attraktiven Medien für den gärtnerischen Beruf mit seinen Spezialisierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten geworben werden.

Unterstützungsstrukturen

Die im Hinblick auf Motivation und Lernerfolg so bedeutsame Beziehungsarbeit ist von einer einzelnen Lehrkraft kaum in dem erforderlichen Umfang zu leisten. Es braucht eine parallele außerschulische Begleitung der heranwachsenden Geflüchteten. Paten oder Mentoren könnten geflüchteten Auszubildenden dabei helfen, Frustrationen und Enttäuschungen zu verarbeiten, und sie in dem eingeschlagenen, bisweilen als zu lang empfundenen Weg bestärken.

Ebenfalls hilfreich ist ein regelmäßiger Austausch über die Schülerinnen und Schüler im Lehrerteam, aber auch mit den Akteuren im Umfeld: Erziehern, Sozialarbeitern, Betreuern, Ehrenamtlichen. Dieser Austausch ist zwar zunächst sehr zeitaufwendig, aber eine Investition, die sich rentiert. Im Unterrichtsalltag hat es sich bewährt, wenn sich die in den Willkommensklassen tätigen Lehrkräfte (wie auch in den Regelklassen üblich) untereinander klar über das Vorgehen und die für alle geltenden Regeln und Sanktionen abstimmen und eine gemeinsame Linie vertreten.

Gärtner/-innen sind es gewohnt, langfristig zu arbeiten und auch mit Misserfolgen zu leben. Beständigkeit und Offenheit für Neues, Zuversicht und Lernbereitschaft – wenn diese Tugenden umgesetzt werden, klappt es auch mit der Verwurzelung der geflüchteten jungen Menschen und dem neuen grünen Berufsnachwuchs.

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Portrait Regina Fuhrmann
R. Fuhrmann

Autorin

Regina Fuhrmann

Peter-Lenné-Schule/OSZ Natur und Umwelt, Berlin und Schul-Umwelt-Zentrum Mitte, Berlin

Master of Education (M.Ed.) Land- und Gartenbauwissenschaften und Magister Germanistik mit DaF/DaZ und Geschichte